DAS MÄRCHEN
VON AMOR UND PSYCHE
BEI APULEIUS
R. REITZENSTEIN
ANTRITTSREDE AN DER UNIVERSITÄT FREIBURG
GEHALTEN AM 22. JUNI I9II
507960
a. 4. So
VERLAG B. G. TEUBNER sB LEIPZIG - BERLIN IQ 12
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FRIEDRICH MEINECKE
ZUGEEIGNET
Hochverehrte Anwesende!
Ein eigenartiges Buch des Altertums, auf welches
ich heut Abend Ihre Aufmerksamkeit richten möchte,
setzt in seinen Eingangsworten voraus, daß nach des
Werktags Arbeit ein müder Leser in seine Bibliothek
tritt und unschlüssig die Titel und Anfange verschie-
dener Bücher mustert. Wissenschaftliche Untersuchung
verheißt das ^-^ine, ernste Geschichtserzählung will ein ^.
anderes bieten, die Tragödie verspricht ihre feierlich
strenge Kunst zu entfalten, da hebt unser Büchlein
plötzlich an: ich aber will dir im milesischen Plauder-
ton wechselreiche Geschichten erzählen und dein Ohr
durch heiteres Geflüster ergötzen; nimm mich zur Hand
und gib acht, du wirst über die Verwandlungsgeschich-
ten dich wundem; doch erst höre, wer ich bin. —
Es ist in der Tat ein seltsamer Mann, der zunächst
noch in Maske, zum Schluß aber mit offnem Antlitz
vor uns tritt, Apuleius von Madaura, einem numidi-
schen Kleinstädtchen an der fernsten Grenze des rö-
mischen Weltreiches, der um die Mitte des zweiten
Jahrhunderts n. Chr. als wandernder Virtuose nach Rom
gekommen ist. In allen Sätteln gerecht, Redner, Dich-
ter, Philosoph und Prophet, nirgends etwas Eigenes,
immer groß im Nachahmen, jeder Tonart mächtig und
jeder Empfindung fähig von der frivolsten Sinnlichkeit
bis zu dem feierlichen Ernst platonischer Philosophie
oder der religiösen Inbrunst hellenistischen Mysterien-
glaubens, immer unklar und immer kokett ist er das
2 APULEIUS
echte Spiegelbild einer bildungsstolzen und schaffens-
armen, lustgierigen und glaubenshungrigen Zeit, die
nach neuen Idealen sich sehnt und nicht die Kraft
hat, sie zu ergreifen und zu gestalten, unbefriedigt
und spielerig selbst in dem, worauf sie den höchsten
Wert legt. Wir begreifen es leicht, daß die Literatur
sich , in solcher Epoche nach rückwärts wendet und
sich in der gelehrten Nachahmung lebenskräftigerer
und einheitlicherer Zeiten gefällt. Nur ist die ruhige
Größe klassischer Kunst ihr verschlossen; die Herb-
heiten der Frühzeit oder die sinnfälligeren Mittel der
bald überzierlichen, bald überpathetischen Übergangs-
epoche reizen mehr, und der enge Kreis ästhetischer
Feinschmecker, an den sie mehr und mehr sich wen-
det, freut sich, zugleich in wunderlichem Gegensatz
auch volkstümlichen Stoff und Ton dieser überkün-
stelnden Umbildung angepaßt zu sehen. Apuleius stammt
aus dem Volke, welches der ihm lange fremden latei-
nischen Zunge ihre Sprachkünstler und Grammatiker
gegeben hat, wie das ägyptische der griechischen. Er
nahm für dies Buch stilistisch die Plaudereien des Cor-
nelius Sisenna zum Vorbild, eines Schriftstellers der
nachsullanischen Zeit, der von der ästhetischen Theo-
rie damals als Muster leichter Erzählungskunst ge-
priesen wurde. Ja selbst der Hauptstoff, die Erlebnisse
eines zum Esel verzauberten Jünglings, ist, wie die
Fragmente des Sisenna zeigen, diesem entnommen.
Sisenna aber übersetzt nur einen griechischen Schrift-
steller der frühhellenistischen Zeit, Aristeides. von
Milet; schon bei ihm können wir dieselbe Verwand-
^ lungsgeschichte nachweisen. Der Zusammenhang hel-
lenistischer und römischer Literatur, der stets ins Auge
gefaßt werden muß, wenn wir die letztere wirklich
FRÜHERE URTEILE ÜBER DAS MÄRCHEN 3
verstehen wollen, tritt hier schon in der Stoffwahl zu
Tage.
So viel zunächst von der Vorgeschichte des Buches,
das Sie im Grunde alle kennen. Bildet doch sein Mit-
telstück jene Erzählung, oder, um antik zu sprechen,
jene Plauderei — fabula — , die in der Weltliteratur
eine ganz einzigartige Wirkung geübt hat, das Mär-
chen von Amor und Psyche. Auch wem die Einzel-
heiten nicht gegenwärtig sind, dem stehen wohl Raf-
faels leuchtende Deckengemälde in der Farnesina oder
Canovas zierliche Marmorgruppe vor Augen. So un-
endlich verschieden empfunden beide Werke sind, den
Reiz der lateinischen Dichtung geben beide in ihrer
Art vollkommen wieder. Aber jenseits des Farben-
schimmers einer bildgewaltigen Phantasie, die den
Künstler der Renaissance entzückte, und des feinen Rei-
zes in der eleganten Darstellung erwachender Jugend-
sinnlichkeit, die den Modernen lockte, ahnten Dichter
und Denker von jeher noch mehr. Herder nennt die Ge-
schichte von Amor und Psyche den vielseitigsten Roman,
der je gedacht ward, und zweifelt, ob sich Höheres über-
haupt ausdenken ließe, undähnlichurteilt Goethe: 'schwer-
lich ist jemals in eines Menschen Geist etwas Lieblicheres
und Zarteres aufgestiegen; der Verstand ist befrie-
digt, das Gemüt erfreut und das Herz entzückt und
schlägt froh dem Werke entgegen, welches reizt, ergreift
und unsere schönsten Empfindungen aufregt; die Kunst
überschüttet uns mit ihren Wohltaten.' Ich wüßte kein
Werk der lateinischen Literatur, das er ähnlich gepriesen
hätte. Verwandtes Empfinden hat in der Literatur aller
Kulturvölker eine Fülle von Nachdichtungen geschaffen,
und noch in neuester Zeit ist ein namhafter englischer
Dichter in den Wettkampf mit Apuleius eingetreten.
4 INHALT DES MÄRCHENS
An den Gang der Erzählung möchte ich nur kurz
erinnern.
'In einer Stadt lebten einmal ein König und eine
Königin, die hatten drei schöne Töchter' — so hebt
im echtesten Märchenton die Erzählung an. Die Jüngste,
Psyche mit Namen, überstrahlt ihre Schwestern weit,
der Ruf ihrer wunderbaren Schönheit verbreitet sich
überall hin, alles wallfahrtet zu ihr, und die Schönheits-
göttin Venus wird ganz vergessen. Die ruft voll eifer-
süchtigen Zorns ihren Sohn Amor, weist ihm das Mäd-
chen und befiehlt, es mit seinem Pfeil zu treffen und
mit Liebe zu dem verachtetsten und widrigsten Men-
schen zu erfüllen. Für die Schwestern finden sich könig-
liche Freier, für Psyche lange, lange Zeit niemand. Be-
sorgt fragen die Eltern das Orakel des milesischen
Apollo; es gebeut, Psyche auf einem Berggipfel aus-
zusetzen als bräutliche Beute eines schlangenförmigen
Ungeheuers, das geflügelt ewig den Äther durcheilt,
vor dem Jupiter und alle Götter zittern und selbst der
Tartarus erbebt. Unter allgemeiner Trauer wird sie
im Brautzuge hingeleitet; aber als die weinenden Eltern
und das Volk sich entfernt haben, trägt ein sanfter
Westwind sie in einen reichen Zauberpalast; Genien
bedienen sie dort unsichtbar und führen sie endlich
zum Lager. Als die Lichter erloschen sind, erscheint
der Herr des Palastes und macht sie zu seinem Weibe.
Aber er scheidet vor Anbrechen des Morgens wieder,
und auch in der folgenden Zeit sieht Psyche nie die
Gestalt des allmählig immer inniger Geliebten, doch
trägt sie schon sein Kind in ihrem Schoß. Daneben
erwacht in der Einsamkeit der Tage die Sehnsucht
nach den Ihrigen; sie schmeichelt dem Gatten, der lange
sich sträubt, endlich die Erlaubnis ab, daß der West-
INHALT DES MÄRCHENS 5
wind ihr die Schwestern zum Besuch bringt. Von Miß-
gunst gepeinigt, wollen diese ihr Glück vernichten und
reden der Arglosen vor, ein ungeheurer Drache teile
im Dunkel ihr Lager und wolle sie später verschlingen;
sie solle in der nächsten Nacht, wenn das Ungetüm
entschlummert sei, ein Lämpchen entzünden und ihm
mit dem Messer den Kopf abschneiden. Obgleich Psyche
von dem Gatten vor der Tücke ihrer Schwestern ge-
warnt ist und von ihm gehört hat, wenn sie sich ein-
mal verlocken lasse, ihn schauen zu wollen, werde sie
ihn nie wiedersehen, will sie jetzt alles vergessend dem
Rate folgen; aber wie das Lämpchen aufflammt, er-
blickt sie auf dem Lager den göttlich-schönen knaben-
haften Jüngling Amor, und sein Anblick erweckt in ihr,
nun sie ihn auf ewig verlieren soll, die wahre und volle
Liebe. Die Lampe zittert in ihrer Hand, ein Tropfen
glühenden Öles fallt auf die Schulter des Gottes und
verwundet ihn schwer. Erwachend erkennt er, daß ihr
beider Glück zerstört ist und er scheiden muß. Psyche
ist dadurch bestraft genug; an den arglistigen Schwe-
stern droht er schwere Rache zu nehmen. Beiden wird
nacheinander — bei Apuleius törichter Weise durch
Psyche selbst — die Botschaft überbracht, Amor habe
diese verstoßen und begehre jetzt sie zur Ehe; beide
eilen gierig zu dem bekannten Berggipfel, rufen den
Westwind und stürzen sich hinab; aber sie zerschellen
an den Felsen. Psyche irrt umher, den Gatten zu suchen
und sich — wie wir auf einmal hören — vor dem Zorn
der Venus zu retten, als deren Sklavin sie sich fühlt
und jetzt betrachtet wird. Vergeblich bittet sie alle
Göttinnen um Schutz und Hilfe; endlich stellt sie sich
freiwillig der erzürnten Herrin, die inzwischen des
Sohnes Ungehorsam gehört und den Erkrankten in
6 • INHALT DES MÄRCHENS
Haft genommen hat. Willig erträgt Psyche die Folter-
strafe und löst todesmutig die zu ihrem Verderben
ersonnenen Aufgaben, deren letzte sie bis in den Tar-
tarus hinabführt; sie soll dort von Proserpina in ver-
schlossenem Gefäß den Schönheitszauber der Göttin
holen. Wohl erliegt sie am Schluß dieser letzten Prü-
fung, lüftet, schon zur Oberwelt zurückgekehrt, neu-
gierig den Deckel des Gefäßes und versinkt in tod-
gleichen Schlummer; aber wie früher die ganze Natur,
so hilft diesmal ihr Gatte, der plötzlich wieder ge-
nesen und befreit heranschwebt und sie durch Berüh-
rung mit seinem Zauberpfeil zum Leben erweckt. Wäh-
rend sie zu Venus eilt, ihren Auftrag zu erfüllen, er-
weicht Amor durch sein Flehen Jupiter; in der Götter-
versammlung verkündet dieser seinen Beschluß, Psyche
dem Amor zur rechtmäßigen Gattin zu geben. Merkur
führt sie in den Himmel empor; der Göttervater selbst
reicht ihr den Trank der Unsterblichkeit und verkündet,
daß Amor ihr in ewiger Ehe gesellt bleiben werde;
der ganze Himmel feiert die göttliche Hochzeit.
Erwähnen muß ich noch den eigenartigen Stil: bald
schlichtester Märchenton, wie in den oben angeführten
Eingangsworten, die an der Gebrüder Grimm uns allen
vertrautes Hausbuch erinnern, bald die farbenreichen
Bilder alexandrinischer Poesie, wie in der Schilderung
der Fahrt der Venus durch das Meer, der Raffael das
Motiv zu dem Bilde der Galathea entnahm. Sie hatte
ebenso wie der Flug der Göttin durch den Himmels-
raum, den Apuleius an anderer Stelle beschreibt, in
alexandrinischen Hochzeitsliedern ihren festen Platz. Die
Schilderung der Schönheit Psyches wetteifert mit einer
ähnlichen Schilderung in einer berühmten Romanze
des Kallimachos, ein Aufruf, in welchem Venus einen
STIL DES MÄRCHENS 7
Lohn auf die Ergreifung ihrer flüchtigen Sklavin Psyche
setzt, ist einem epigrammartigen Spiel des Moschos
nachgebildet; der zierliche Rokokostil der jüngeren
alexandrinischen Liebesdichtung verrät sich beständig
in koketten Wendungen und spielenden Einfällen.
Daneben — besonders in der Schilderung der Götter
— ein gewisser naturalistisch-kleinbürgerlicher Ton,
der nicht selten bewußt komisch wirken will und ins
Burleske umschlägt. Da begründet Jupiter seinen Ent-
schluß, den jüngsten, allzu feurigen Gott frühzeitig 4n
die Fesseln der Ehe zu schlagen' mit der Sorge vor
Skandal, oder führt Juno ihrer Schwiegertochter Venus
zu Gemüt, eine verständige Mutter dürfe in manchen
Dingen den Söhnen gegenüber nicht allzu neugierig
sein, oder spricht ihr gar zu: weil sie sich selbst so
wohl konserviert habe, sehe sie in dem Sohne immer
noch das Kind und müsse doch selbst am besten wissen,
wie alt er sei und daß es ein Junge sei. Ärgert sich
doch die Göttin Venus am meisten darüber, daß sie
durch diese 'Kindertorheit' jetzt Großmutter werden
soll, während sie sich doch noch jung und schön fühlt.
Wenn Ceres ihre Unterstützung gegen Venus versagt,
so bezeichnet sie diese als eine 'grundbrave Frau', und
Jupiter hält dem Amor, dessen Mündchen er zum Kuß
heranzieht, die liebevolle Strafpredigt: 'mein Herr
Junge, eigentlich warst du von jeher respektlos gegen
mich und hast mich mit allen öffentlichen Ordnungen,
ja selbst mit dem Julischen Gesetz über Ehebruch in
Konflikt gebracht.' Gar nicht selten nimmt die Götter-
geschichte auf das geltende römische Recht und den
Brauch der Kaiserzeit bezug; wie der Rat einer Stadt
werden die Götter zur Versammlung entboten und an-
gesprochen; hohe Geldstrafen für unentschuldigtes Aus-
8 STILISTISCHE VORBILDER
bleiben haben sie zu vollzähligem und pünktlichem Er-
scheinen bewogen. Das ist der Ton nicht mehr des
Märchens, sondern der Menippischen Satire, und zwar
in ihrer römischen Ausgestaltung. Sie erhielt ihre
klassische Form in Rom eben in Sisennas Zeit, und
wenn gerade im Eingang unseres Märchens der mi-
lesische Apollo zu Ehren des Sisenna sein Orakel
in lateinischen Versen gibt, so dürfen wir mit einiger
Wahrscheinlichkeit folgern, daß auch das Märchen
selbst irgendein Vorbild bei Sisenna hatte, und daß
dessen 'milesische Plaudereien' auch Göttergeschichten
in jener Veranschaulichung und Modernisierung ent-
hielten, die dem Kunstmärchen an sich eigen ist
und durch absichtliche Naivetät humoristisch wirken
will. Ihre höchste Steigerung zeigt sich in diesen ^Lati-
nismen', zu denen Sisenna durch Lucilius und Varro
angeregt sein wird. Sie gehören darum für Apuleius
notwendig zum Stil des lateinischen Kunstmärchens.
Dennoch will Apuleius nicht ein Märchen schlecht-
hin bieten, sondern zugleich eine allegorische Dich-
tung. Seine Venus hat die Göttin Besonnenheit zur
Feindin, Gewohnheit, Kummer und Trauer zu Diene-
rinnen, und aus dem Bunde des Amor und der Psyche
entspringt als göttliches Kind die Lust. Wenn sein
ganzes Werk als letzte Verwandlung, die er selbst er-
fahren haben will, die Vergöttlichung im Mysterium
schildert, wenn all die burlesken und lasziven Erleb-
nisse des zum Esel Verzauberten schließlich darin aus-
laufen, daß er in gläubigem Vertrauen sich an Isis
wendet und von ihr, die ihn längst erwählt hat, zu-
nächst entzaubert, dann zum Heil berufen und endlich
in ein neues Leben innigster, fast sinnlicher Vereini-
gung mit der Gottheit entrückt wird, so muß das
UNSTIMMIGKEITEN DER ERZÄHLUNG g
große Mittelstück dieses Werkes, die Erzählung von
Amor und Psyche für ihn notwendig den Nebenzweck
gehabt haben, zu zeigen, wie die Menschenseele
nach Irrtum und harter Prüfung zu Gott erhoben wird.
Aber seltsam: nur die Stellung der Erzählung verrät
jetzt diesen tieferen Sinn. Die eigenen allegorischen Zu-
sätze des Apuleius dienen ihm schlecht. Seine Er-
zählung läßt sich gar nicht allegorisch deuten und ist
widerspruchsvoll in sich selbst, und zwar nicht bloß in
Kleinigkeiten: Anfang und Schluß zeigen bei näherer
Prüfung verschiedene Voraussetzungen und verschiedene
Motive. Daß der Befehl der Venus an Amor eine ganz
andere Fortsetzung erwarten läßt als das so über-
raschend auftretende Orakel, daß die auf die Rivalin
ihrer Schönheit eifersüchtige Göttin noch nicht die
Herrin der Psyche ist und die unbegehrt verblühende
Psyche nicht das eben erblühende Kind, das im Fol-
genden geschildert wird, haben Sie schon bei der
kurzen Inhaltsangabe empfunden und die Unklarheiten
auch der Haupterzählung gefühlt. Spricht dies von
Anfang an gegen eine frei und darum einheitlich und
verständlich erfundene Erzählung, so gegen die Alle-
gorie die ganze Einführung der Venus. Für die Liebes-
göttin ist in einer Allegorie neben dem Liebesgott
überhaupt kein Platz, und am wenigsten für die Liebes-
göttin als böse Schwiegermutter. Es ist durchaus
sicher, daß Apuleius seinen Stoff weder selbst erfunden
noch innerlich gemeistert hat; nur die Form ist sein
eigen, der Inhalt aus dem Griechischen übernommen.
Was ist er ursprünglich? Diese Frage ist unendlich
oft aufgeworfen und ganz verschieden beantwortet
worden. Die erste wissenschaftliche Lösung versuchte
im vorigen Jahrhundert ein hervorragender Archäo-
lO JAHN. ALLEGORISCHE ERKLÄRUNG
löge, Otto Jahn. Von dem Eros, dem Liebesdämon in
' Piatos Symposion, und von Piatos freilich nur sehr be-
dingter Personifizierung der Seele schien ihm der Ge-
danke auszugehen. Bildliche Darstellungen des beflü-
gelten Erosknaben und seines Gegenbildes, der Seele
als des kindlichen Mädchens mit Schmetterlingsflügeln,
verfolgte er bis hoch in hellenistische Zeit hinauf; Dar-
stellungen, wie beide sich wechselseitig verletzen und
quälen, wenigstens bis in den Anfang des ersten Jahr-
hunderts V. Chr. Damals mochte also aus philosophischen
Anregungen eine gelehrte und stets auf den Kreis
der Gelehrten beschränkte allegorische Erzählung
entstanden sein, deren Einzelzüge dann heitere Dichter-
phantasie ausgestaltete. Allein den philosophischen
Ausgangspunkt, den Jahn noch annahm, müßten wir
zunächst ganz aufgeben. Der Amor dieser Erzählung
ist nicht der Eros Piatos, der wohl die Seele zu Gott
führt, aber nicht selbst Gegenstand ihrer Liebe
ist; es ist der bekannte Gott der alexandrinischen
Dichtung, und seine Partnerin Psyche erinnert zu-
nächst in nichts an die Seele, die zum Himmel empor-
strebt, weil sie für den Philosophen vom Himmel
stammt; es ist das kindhafte Mädchen, das in den
Wonnen und mehr noch in den Leiden der Liebe zum
echten Weibe wird; nur ihre Liebestreue soll ge-
schildert werden; ein Menschenkind mit allen seinen
Schwächen wird zu Gott verwandelt, das ist Ziel
und Sinn der ganzen Erzählung. Und wo wäre wohl
der Philosoph jener Zeit, der das Erhabene und Hei-
lige der Geschlechtsliebe und Ehe derartig emp-
funden hätte, daß er sie auch nur in allegorischer
Darstellung den Menschen zu Gott machen ließe? Das
ist entweder eine religiöse oder eine dichterische Vor-
ERKLÄRUNG AUS DER KUNST j i
Stellung; für keine von beiden könnte Plato die Quelle
sein. Es ist möglich, daß ein Jahn noch unbekanntes
Relief etwa aus der Mitte des vierten Jahrhunderts
V. Chr., das den beflügelten Eros in innigem Bunde
mit einem ebenfalls mit starken Vogelfittigen be-
schwingten Mädchen zeigt, Eros und Psyche, d. h. die
Menschenseele, darstellen soll. Aber diese Vorstellung
hat dann mit Plato so wenig zu tun, wie mit unserer
Erzählung, in der Psyche eben nicht das Flügelwesen
ist. Noch weniger läßt sich* die übliche Darstellung der
Seele als Schmetterling oder als Mädchen mit Schmet-
terlingsflügeln aus Plato ableiten oder mit unserer Er-
zählung verbinden. Der nicht von einem Philosophen
erfundene Gedanke, daß der Liebesgott die Seele quält
und beglückt, führt von selbst zu der Zusammenstel-
lung, und spielende Künstlerphantasie zeigt uns das
später ganz kindlich gebildete Paar in den verschie-
densten Situationen; wir sehen es in der rein deko-
rativen pompejanischen Kunst zusammen musizieren
oder Kränze flechten, Ol auspressen oder Walker-
arbeit treiben. Wer annehmen will, daß nur ein lusti-
ger Künstlereinfall die wechselseitige Liebe und das
wechselseitige Quälen dieses Kinderpaares ge-
schaffen, ein weiterer Einfall Aphrodite als böse
Schwiegermutter hinzugefügt, und ein letzter endlich
aus der Liebesvereinigung am Schluß die dauernde
Ehe gemacht hat, zu welcher der Göttervater selbst
seine Zustimmung geben muß, — der läßt eine will-
kürliche Folge ganz verschiedener bildlicher und dich-
terischer Einfälle eine tiefsinnige Einheit schaffen und
aus einer Reihe von Zufällen einen Kosmos hervor-
gehen. Für Jahn wäre eine solche Annahme unmög-
lich gewesen, gerade weil er viel zu tief künstlerisch
1 2 FRIEDLÄNDERS ERKLÄRUNG
empfand; aber sein Versuch, Sinn und Einheit der Er-
zählung durch einen Verweis auf die Mythen Piatos
zu erklären, blieb unklar und unbefriedigend.
Einen anderen Weg schlug die Forschung ein, als
die heranwachsende Germanistik die klassische Philo-
logie aus ihrer Isolierung befreite und ihr zugleich
einen tieferen Einblick in volkstümliches Schaffen und
Dichten erschloß. Angeregt von den Brüdern Grimm
und den Sagenforschungen Mannhardts erhob Ludwig
Friedländer gegen die damals noch herrschende rein
allegorische Erklärung Einspruch. Wie kann man über-
haupt in der Handlung eine künstlich ersonnene Alle-
gorie suchen! Es sind ja lauter Märchenzüge, die wir
hier treffen: der verwunschene Prinz, der zum Un-
geheuer geworden ist, dem man die Königstochter
aussetzt, die Ehe zwischen Menschenkind und Zauber-
wesen, die nur solange währen kann, als der eine Teil
den anderen nicht in seiner wahren Gestalt erblickt,
Ungehorsam, Reue und Irrfahrt der neugierigen Gattin,
ja selbst das Niedersteigen ins Totenreich, um das
Wasser des Lebens zu holen — das alles kehrt ja in
den Märchen der verschiedensten Nationen wieder,
und wenn Psyche einen großen Haufen ungleichartiger
Kömer in kurzer Zeit auseinanderlesen soll und hilf-
reiche Tiere die für sie unmögliche Arbeit verrichten,
so erinnern wir uns alle aus unserer Kindheit an das
Märchen vom Aschenbrödel. Nichts weiter als solch ein
uraltes, den meisten Kulturvölkern gemeinsames Mär-
lein vom verwunschenen Prinzen und der schönen Königs-
tochter liegt der Erzählung des Apuleius zugrunde;
nur verband er es mit jener gelehrten allegorischen
Dichtung von Eros und Psyche, die Jahn aus den Bild-
werken erschlossen hat, machte die handelnden Per-
FRIEDLANDERS NACHFOLGER
13
sonen zu Göttern und verdarb zugleich in kläglicher
Weise den Stil des Märchens.
Friedländers Erklärung herrscht bis auf den heutigen
Tag, ja sie hat derartige Verbreitung gefunden, daß
nicht-philologische *Märchenforscher' überhaupt nur
noch ein Märchen von dem verzauberten Königssohn
kennen und von Jahns und seiner Nachfolger Arbeiten
nichts mehr wissen. Wozu auch die Vorstellungen von
Eros und Psyche überhaupt verfolgen; sie sind ja erst
von Apuleius hereingebracht, von dessen schriftstelleri-
scher Person und Tätigkeit sich der Märchenforscher
kein Bild zu machen braucht. Er nimmt, was er als
Vorlage des Apuleius konstruiert, und erweist an ihm,
wie sinnlos das Volksmärchen die verschiedensten
Motive durcheinanderzuwirren liebt. Der Nachweis ist
leicht, denn daß erst Apuleius den scheinbaren Sinn
hereingebracht hat, war vorausgesetzt.
Dagegen suchten jüngere Philologen, welche wirk-
lich des Apuleius Erzählung aus dem Märchen er-
klären wollten, zwar Friedländers Versuch im einzelnen
mit Glück zu berichtigen und zu ergänzen, machten ihn
aber in seiner Gesamtheit nur befremdlicher und un-
wahrscheinlicher. Die Vereinigung des Märchens vom
verwunschenen Prinzen und der gelehrten allegorischen
Dichtung von Eros und Psyche ward in eine vor Apu-
leius liegende griechische literarische Quelle verlegt,
ja jene gelehrte Dichtung wohl gar als hellenistischer
Liebesroman bezeichnet, der — auffalligerweise — unter
Göttern spiele. Nach der Methode |der Quellenkritik,
die wir etwa an dem Mosaikwerk lexikalischer Sammel-
schriften mit Glück üben, ward dann die Erzählung
Satz für Satz durchgenommen: jeder, zu dem sich in
den modernen Märchen irgendeines Volkes eine in-
Reitzenstetn: Amor und Psyche. 2
14 BEDENKEN GEGEN FRIED LÄNDERS NACHFOLGER
haltliche oder auch nur stilistische Analogie findet,
gehört der uralten Volksdichtung von dem Prinzen,
jeder Satz, der stilistisch an die Wendungen irgend-
eines griechischen Romanes erinnert, dem Eros-Roman
an. So 'haben wir die Teile in der Hand', die Dichtung
ist erklärt. Daß für ein Rätsel im Grunde nur deren
zwei gewonnen sind, braucht uns nicht zu kümmern.
Nun kann ich hier nur andeuten, daß der griechische
Roman einen eigenen Stil gar nicht hat; er gibt nur
die von der Dichtung geschaffenen typischen Schilde-
rungen der Leidenschaft in der rhetorischen Aus-
bildung, die damals notwendiges Erfordernis aller 'lite-
rarischen' Prosa ist, und berührt sich zudem in Mo-
tiven und Erzählungsformen durchaus nicht selten mit
dem Märchen. Und gar dieses selbst! Auch wenn wir
nicht schlechthin jedes Volksmärchen als umgebildete
und verwilderte Kunsterzählung fassen, wie die Volks-
lieder als zersungene Kunstlieder, so zeigen doch immer
zahlreichere Proben, daß die Märchen unserer Kultur-
völker, genau wie die heutzutage aus Volksmund auf-
gezeichneten Sagen, auch direkt literarische Einflüsse
erfahren haben, und daß auch die antike Literatur mit-
telbar, ja selbst unmittelbar einwirkt, und zwar bis auf
die indischen Märchen und die Märchen der Zigeuner.
Es gehört ein neidenswerter Mut dazu, bei jeder sach-
lichen oder gar nur stilistischen Übereinstimmung die
junge Version kurzerhand für die ursprüngliche, ja für
prähistorisch oder doch präliterarhistorisch zu erklären,
nur weil sie uns nicht literarisch, sondern in einer
Form überliefert ist, die beständigem Wechsel und un-
kontrollierbaren Einflüssen unterworfen ist.
Aber auch Friedländers eigene Erklärung, so gewiß
sie einen Teil des Richtigen bietet, unterliegt dem
BEDENKEN GEGEN FRIEDLÄNDER
15
schweren Bedenken, daß zwei ganz verschiedene Er-
klärungsarten rein äußerlich miteinander verbunden sind:
die Annahme einer künstlichen philosophischen Alle-
gorie, die uns von Anfang 'an unmöglich schien, und
die eines freien Phantasiespiels, das mit den mytholo-
gischen Bezeichnungen gar nichts zu tun haben soll.
Daß der Held dieses Phantasiespiels ein verwunschener
Königssohn oder überhaupt ein Menschenkind gewesen
sein müsse, scheint mir voreilig aus modernen Märchen,
ja im Grunde aus Grimms Volksbuch erschlossen; daß
auch echte Göttermythen zu Märchen werden oder
märchenhafte Züge in sich aufnehmen können, zwar
theoretisch zugegeben, aber praktisch nicht berück-
sichtigt zu sein. Daß wir die Erzählungsform des Mär-
chens schon bei den primitiven Völkern nachweisen
können und einzelne Motive und Typen bei vielen Kul-
turnationen wiederfinden, ohne den gemeinsamen Besitz
bisher voll erklären zu können, darf uns den Blick
dafür nicht trüben, daß, wo diese Erzählung zur Kunst-
übung geworden ist, sie in jedem Volk wieder indi-
viduellen Gesetzen unterworfen ist, die sich nach seinen
Anlagen und der jeweiligen Kulturhöhe richten. Das
Verhältnis von Mythos und Märchen wird anders sein,
wo ein Bruch der gesamten religiösen Anschauungen
sich vollzogen hat und eine frühere Vorstellungswelt
nur in dem Dunkel halbbewußten Volkserinnems fort-
lebt, anders wo die ursprünglichen mythologischen Vor-
stellungen nur leicht geändert in religiöser Wertung
weiter bestehen, und die Kunst in ihm wird sich anders
entfalten, wo die Freude an dem freien und heiteren Spiel
der Phantasie, das in dem Märchen waltet, auch dem
erwachsenen und gebildeten Manne noch treu geblieben
ist, oder wo starke Verstandesentwicklung und Wirk-
l6 ANTIKE MÄRCHEN
lichkeitssinn seine Herrschaft beschränkt und ihm früh-
zeitig als unbestrittenes Reich nur die Kinderstube
und vielleicht noch das Frauengemach gelassen haben.
Wollen wir ein antikes Märchen recht verstehen, so
müssen wir zunächst ohne alle modernen Begriffs-
bestimmungen das Märchen in der Antike aufsuchen.
Freilich die altitalischen Märchen, die ein großer
Philologe sich einst erträumte, haben bei der Nach-
prüfung nicht Stich gehalten, und was wir auf alt-
griechischem Boden an MärchenstofiFen aus Komödie
und Sprichwort, Fabel und philosophischer Dichtung
gewonnen haben, Schlaraffenland und Jungmühle, Tier-
hochzeit und Tischlein deck dich, vor allem aber jene
Schilderungen fabelhafter Toren und Stumpfsinniger,
läßt sich mit unserem Märchen nicht vergleichen und
zeigt, ähnlich wie die beliebte Ausmalung der ver-
kehrten Welt, wo das Viereckige rollt und der Wagen
den Ochsen zieht, jene Einwirkung des reflektierenden
Verstandes, die das Märchen zum Schwank oder zur
Lügengeschichte macht.
Das ändert sich, wenn wir den Blick auf die helle-
nistischen Gebiete, also den Orient, lenken, auf welchen
die Erwähnung des ungeheuren, den Himmel umkrei-
senden Drachen oder die Beschreibung des Zauber-
palastes, in dem unsichtbare Genien bedienen, ohnedies
zu weisen scheinen. Hier ist die phantastische Erzäh-
lung frühzeitig zur Kunst geworden und die Freude
am Märchen auch den Erwachsenen geblieben, und
noch heute sieht man sie z. B. in Cairo in mondheller
Nacht an den Straßenecken oder in kleinen Caf^s
stundenlang den altbekannten Geschichten lauschen,
die der lebendige und anschauliche Vortrag des Er-
zählers oder Vorlesers immer neu erscheinen läßt. Hier
HELLENISTISCHE MÄRCHEN UND MYTHEN i 7
vor allem sehen wir schon in vorgriechischer und
später in hellenistischer Zeit den Göttermythos zur
Novelle oder zum Märchen werden. Er dient scheinbar
nur der Unterhaltung und kann doch immer religiöse
Bedeutung annehmen, ja behält sie sogar in den man-
cherlei Übertragungen und Umgestaltungen bei, die
das Märchen zu aller Zeit durchmacht. So läßt eine
altchristliche Wundererzählung von den Wanderungen,
und dem Tode des Apostel Thomas diesen, als er von
dem erzürnten König ins Gefängnis geworfen ist und
die Mitgefangenen ihn bitten, für seine und ihre Be-
freiung seinen Gott anzuflehen, ein seltsames Lied an-
stimmen. Es ist ein in orientalischer Farbenpracht schim-
merndes Märchen von einem Königssohn, den seine
Eltern aus dem fernen Ostreich nach Ägypten senden,
um dort eine kostbare, von einem Drachen gehütete
Perle zu holen. Als er sie schon errungen hat, wird
er durch List überwältigt und in Zauberschlaf versenkt;
doch befreien ihn seine Eltern durch ein Wunder, er
kehrt heim und wird Erbe des Reiches. Auch hierin
hat man lange eine Allegorie gesucht und in dem
Königssohn die Seele erkennen wollen; aber auch hier
will die Allegorie nicht recht passen. Ein alter Götter-
mythos in märchenhafter Ausgestaltung liegt vor,
und ich habe früher einmal zu erweisen versucht, daß
es ursprünglich der ägyptische Mythos von der Hades-
wanderung des Horus ist, der zunächst von Heiden
nach Syrien übertragen und später von Christen auf
Christus gedeutet ist, so schlecht auch einzelne Züge
auf diesen passen wollten. Mit der Erzählung verband
sich die Hoffnung des Gläubigen, zu erleben, was sein
Gott erlebt hat; wer sie in Not vorträgt, spricht da-
mit sein Vertrauen auf Gottes befreiende Wundermacht
l8 BEDEUTUNG HELLENISTISCHER MÄRCHEN
aus; das Märchen hat ihm nicht allegorische, wohl
aber typische oder symbolische Bedeutung. Einer
der feinsten Kenner des Hellenismus, Wendland, ließ
sich damals hiervon überzeugen und warf die Frage
hin, ob sich das Märchen von Amor und Psyche ähn-
lich aus einem orientalischen Mythos erklären lasse.
Die Aufgabe, die er uns damit stellte, lockt um so mehr,
als schon der erste Blick zeigt, daß die Verwendung
der beiden Märchen im Rahmen der größeren, fast
gleichzeitigen Wundergeschichten ganz ähnlich ist. Der
gefangene Apostel soll in jenem Liede seine Hoffnung
auf Befreiung aus der augenblicklichen Not aussprechen
und die Mitgefangenen trösten; dazu brauchte es an
und für sich des langen und künstlichen Liedes nicht,
das jüngere Bearbeiter daher auch fortlassen. Der erste
Erzähler will offenbar, daß nachdenkliche Leser zu-
gleich an die verheißene einstige Befreiung aus dem
Banne des Irdischen und die Heimkehr zu Gott denken.
Das Märchen von Amor und Psyche soll zunächst eine
gefangene Jungfrau ermutigen und trösten, die, am
Tage der Hochzeit von Räubern entführt, ewige Tren-
nung von dem Geliebten voraussieht; aber zugleich
soll es in dem nachdenklichen Leser die Empfindung
wachrufen, daß dem in Not geratenen Helden der Er-
zählung und jeder von Gott erwählten Seele trotz aller
Prüfung ewiges Heil gewiß ist; nur dieser Nebenzweck
rechtfertigt die breite künstlerische Ausgestaltung. Ein
leicht begreifliches Kunstgesetz läßt in die Wunder-
erzählung aus der jüngsten Vergangenheit den Mythos
oder das mythologische Märchen einlegen, um den Grund-
gedanken der Gesamterzählung fühlbarer zu machen.
Denn wenn Jahn noch die zahlreichen Kunstwerke,
welche Eros und Psyche verbunden zeigen, auf eine
EROS UND PSYCHE IN DEN ZAUBERPAPYRI.
19
gelehrte Allegorie glaubte zurückführen zu können,
so hätte die Fülle der inzwischen nachgewiesenen
Denkmäler vor allem der Sepulchralkunst diesen Ge-
danken jetzt ganz ausschließen müssen. Die Entschei-
dung geben die in Ägypten gefundenen Zauberpapyri,
deren Aufzeichnung meist in das dritte und vierte Jahr-
hundert fällt, während der Inhalt in der Regel be-
trächtlich älter scheint. Sie erwähnen eine Menge grie-
chischer und orientalischer Kultbilder, Bräuche und
Mythen, aber ihrer ganzen Natur nach niemals gelehrte
Allegorien oder Märchen. Hier finden wir in einem
dem sagenhaften phrygischen Zauberer Dardanos zu-
geschriebenen Liebeszwang, dem 'Schwert', die Vor-
schrift: grabe auf Magnetstein auf die eine Seite Aphro-
dite, wie sie als Reiterin auf der Psyche sitzt und mit
der linken Hand ihre Locken hält und aufbindet, und
unter Aphrodite und Psyche den Eros auf dem Welt-
ball stehend, eine brennende Fackel in der Hand, mit
der er die Psyche versengt; auf der anderen Seite
grabe Psyche und Eros ein, die sich umschlungen hal-
ten. Wohl ist es wahrscheinlich, daß der Verfasser
des Zaubers hier Psyche als Vertreterin der einzelnen
Menschenseele faßt — er schreibt ja einen Liebes-i
zwang — , aber sicher scheint mir, daß er zwei Szenfen
aus einer Erzählung berücksichtigt. Von ihnen kehrt
die eine, Eros und Psyche sich umschlingend, oft in
unseren Denkmälern wieder; die andere hat nur wenige
Gegenbilder, in denen der Erosknabe allein Psyche
mit der Fackel versengt. Das Hereinziehen der Aphro-
dite, die in der Erzählung des Apuleius die eigentliche
Quälerin der Psyche ist, befremdet durchaus; die gro-
teske Szene ist sicher nicht aus jenen anmutigen Wer-
ken der Kleinkunst herausentwickelt; eher diese aus
20 EROS UND PSYCHE IN DEN ZAUBERPAPYRI.
der gleichen Erzählung oder Vorstellung. Weiter führt
uns ein ähnlicher Zauber 'Eros als hilfreicher Dämon'.
Aus Wachs wird diesmal der Erosknabe gebildet, in
der rechten Hand eine Fackel, in der linken Bogen
und Pfeil, womit er die Psyche, die der Hörer sich
offenbar in der Ferne denken soll, treffen will. Das
Gebet preist den kosmischen Eros zugleich als den
Knaben und den 'lebendigen Gott', als Bewohner des
vielersehnten Palastes und Herren des schönen Lagers.
In den verschiedenen Teilen der Welt hat er verschie-
dene Gestalt; thront er in den einen in Krokodilsgestalt,
so ist er im Westen ein beflügelter Drache; das näm-
lich ist seine wahre und ursprüngliche Erschei-
nungsform. Erklärt ist, wie bei Apuleius das Orakel
Amor als beflügelte Schlange bezeichnen kann imd
die neidischen Schwestern von einem ungeheuren Dra-
chen reden können. Als Knaben und als Herren des
Zauberpalastes und des schönen Lagers schildert auch
das Märchen den Gott, und eine Szene, in der Amor
Psyche mit seinem Pfeile treffen will, hat schon Raffael
im Eingang der Erzählung angedeutet gefunden. Wir
sind berechtigt, die beiden Zaubertexte zu verbinden
und aus ihnen auf eine in weiten Kreisen bekannte Er-
zählung zu schließen, die mit dem Märchen des Apu-
leius auffallende Übereinstimmungen zeigt, von ihm
aber freilich in dem einen Hauptzug abweicht, daß
mit Aphrodite zusammen auch Eros die Psyche quält.
Ausgeschlossen ist also, daß Apuleius oder ein ge-
lehrter Vorgänger den Namen des Eros für einen be-
liebigen verwunschenen Königssohn eingesetzt hat; mit
dem Gott ist die Erzählung von Anfang an verbunden.
Was Apuleius bietet, ist ein wirklicher hellenistischer
Erosmythos, allerdings in märchenhafter Ausmalung.
DIE GÖTTIN PSYCHE. 21
Dann kann freilich Psyche in diesem Mythos nicht
eine beliebige Menschenseele sein, sondern ursprüng-
lich nur eine Göttin oder eine zur Göttin erhobene
Sterbliche. Erst hiermit beginnen die Schwierigkeiten,
die wir ganz noch nicht lösen können. Nur die orien-
talische Mythologie kann uns eine Gottheit bieten,
die griechisch als Psyche umgedeutet sein müßte; nur
sie femer einen Gott, der Knabe und zugleich beflü-
gelter Drache sein kann, und in dem die Griechen
ihren Eros wiederfinden konnten. Der Mythos, der sie
beide vereint, ist noch nicht gefunden; nur daß es sich
um kosmische Götter handelt, können wir aus den
Zaubergebeten ahnen und eine schwache Spur jenes
Mythos vielleicht in einer orientalischen Kosmogonie
nachweisen, in jener von griechischem Denken fast
unberührten orientalischen Schöpfungssage, die aus
einem ähnlichen Texte Dieterich im Abraxas heraus-
gegeben hat. Hier schafft der Urgott als siebente Gott-
heit die Psyche und verkündet, daß sie zunächst dem
ganzen Weltall Bewegung und Beseelung und dereinst,
wenn Hermes sie führt, die Freude bringen wird. Selt-
sam, daß auch hier ihr Partner ein allwissender, un-
geheurer Drache ist, vor dem selbst der Urgott er-
staunt und sich entsetzt. In der Erzählung des Apu-
leius führt Hermes die Psyche zum Himmel empor
und sie gebiert die Lust.
Die Angleichung mag äußerlich und vielleicht zu-
fällig erscheinen. Allein man erwäge: die gesamte Er-
zählung des Apuleius bietet dem, der sie unbefangen
liest, im Grunde nichts, was auf eine Allegorie statt
eines Mythos wiese, als den Namen der Heldin, Psyche.
Er ist uns jetzt als griechische Deutung und Bezeich-
nung einer orientalischen Gottheit erklärt. Ähnlich
22 MYTHOLOGISCHE ZÜGE DER ERZÄHLUNG
werden ja in der ersten, schöpferischen Epoche des
Hellenismus viele orientalische Göttinnen zu griechi-
schen 'Begriffen', wie Gerechtigkeit, Weisheit, Vor-
sehung, Werden, Schickung, und behalten daneben
doch ihre alten Mythen bei, die nun, unter Beihilfe be-
sonders der stoischen Philosophie, geheimen Sinn und
neue Deutung erhalten. Noch viel älter ist die An-
gleichung griechischer und orientalischer Gottesnamen:
wie nachweislich aus Harpokrates, dem göttlichen
'Kinde' der ägyptischen Mythologie, so ist sicher aus
noch manchem jugendlichen orientalischen Gott der
hellenistische Eros geworden. Gerade wenn Psyche als
Menschenseele in der griechischen Kunst, vielleicht
auch der Dichtung, schon mit Eros verbunden war,
war die Benennung des jugendlichen Gottes in unserem
Falle gegeben. Der Mythos mußte, wenn er sich zur
Kunsterzählung umgestaltete, griechische Einflüsse er-
fahren.
Als mythologische Züge gewinnen wir aus den
hellenistischen Zaubern zunächst: Eros als Knabe und
zugleich als beflügelter Drache, den Zauberpalast mit
seinem Lager, Psyche von Aphrodite und Eros ge-
martert, Psyche und Eros in Liebe vereinigt, endlich
wahrscheinlich: Psyche von Hermes zum Himmel em-
porgeführt bringt dem Weltall die Freude. Aus Apu-
leius möchte ich femer als weiteren mythologischen,
nicht märchenhaften Zug, freilich im Gegensatz zu
Forschern wie Bethe, Psyches Wanderung in die Toten-
welt hinzufügen. Schon Friedländer sah, daß sie ur-
sprünglich hier das Wasser des Lebens holen mußte.
Das aber konnte nur geschehen für den toten oder
todsiechen Gatten. Ein langes Siechtum Amors kennt
ja noch Apuleius und erklärt es unglücklich genug
DIE WANDERUNG IN DIE UNTERWELT;
23
durch das niederfallende Tröpfchen Öl, das nach ihm
den Gott schwer verletzt hat. Ursprünglich muß wohl
Psyche selbst ihn verwundet haben, dafür Strafe leiden
und endlich reuig zum Tartarus niedersteigen, um ihn
zu erretten und für sich wiederzugewinnen. Die reli-
giöse Vorstellung vom 'Wasser des Lebens' im Toten-
reich läßt sich auf orientalischem Boden mehrfach ver-
folgen und beeinflußt selbst die alchemistische Litera-
tur, und wie Psyche steigt die babylonische Göttin
Istar, um den geliebten Tammuz zu erretten, ins Toten-
reich nieder und erringt von dessen Herrin das Wasser
des Lebens. Natürlich folgere ich aus dieser auffallenden
Übereinstimmung nicht, daß der Psyche-Mythos ur-
sprünglich babylonisch ist. Solche Mythenmotive werden
von einer Gottheit auf die andere übertragen, und an
Göttinnen, deren Geliebte sterben oder tödlich ver-
wundet werden, fehlt es im Orient nicht. Freilich darf
man ebensowenig aus Einzelheiten der Unterwelts-
schilderung bei Apuleius auf altgriechischen Ur-
sprung des M)rthos schließen. Ein griechischer Erzähler
mußte für seine Landsleute diese Schilderung an hei-
mische Vorbilder anlehnen, auch wenn die Göttin Psyche
ursprünglich nicht griechisch war.
Nur die Irrfahrt imd die Erhöhung der Psyche faßte
der Leipziger Theologe ^[Heinrici ins Auge, dessen
eigene Ausführung eines an sich beachtenswerten Ein-
falls wir allerdings besser beiseite lassen. Er fühlte
sich durch diesen Teil der Erzählung an die gleich-
zeitigen gnostischen Lehren von Weltschöpfung und
Welterlösung erinnert. Begegnet doch in den Systemen
jener dem Namen nach christlichen, aber außerhalb
der Kirche stehenden und in ihrem Denken mehr oder
weniger im orientalischen Heidentum wurzelnden My-
24
GNOSTISCHE GEGENBILDER
stiker nicht selten als bei der Schöpfung beteiligt eine
aus der Himmelswelt verstoßene Göttin, deren Rück-
führung aus dem Reiche der Materie und Vermählung
mit einem befreienden Gott zugleich die Erlösung der
Welt bedeutet. So irrt bei dem Ägypter Valentin die
Göttin Achamoth oder die Weisheit, in die Welt der
Materie gebannt, unter sehnsüchtigen Klagen umher,
ohne doch je die Grenze, die sie jetzt von ihrer
wahren Heimat scheidet, überschreiten zu können.
Endlich führt der Erlöser sie und ihre Kinder, all die
Seelen, die den Gottesfunken in sich bewahrt haben
in die Himmelswelt zurück; sie feiern die Himmels-
hochzeit. Wenn wir uns entschließen, mit einer immer
wachsenden Zahl theologischer und philologischer For-
scher in jenen gnostischen Systemen altorientalische
Mythen in spekulativ-christlicher Umbildung zu sehen,
und wenn wir erwägen, daß eine bei der Schöpfung
beteiligte Göttin Psyche uns bezeugt ist, und daß in
einem heidnisch gnostischen System der Hermetischen
Schriften eine göttliche Psyche als Ursprung oder
Mutter der Menschenseelen bezeichnet wird, wie die
Weisheit bei Valentin, kann dieser Vergleich Bedeu-
tung gewinnen. Zum vollen Beweis genügt er freilich
nicht; einen verlorenen Mythos wird kein Philologe
aus derartigen 'Motiven' wirklich rekonstruieren. Nur
daß eine Göttergeschichte nicht deswegen reines Mär-
chen zu sein braucht, weil sie Motive bietet, die auch
im Märchen vorkommen, wird er allerdings annehmen.
Aber wichtiger als die Einzelzüge ist das Grund-
empfinden, das in dieser Göttererzählung waltet, und
ihm können wir vielleicht durch einen anderen Ver-
gleich näher kommen. Betrachten wir nicht ein be-
liebig herausgegriffenes Motiv, sondern Anfang und
MYSTERIEN VORSTELLUNGEN 25
Schluß der eigentlichen Erzählung noch einmal: Psyche
auf Erden in den Armen eines ihr noch völlig un-
bekannten Gottes empfängt von ihm den göttlichen
Keim, und Psyche, zum Himmel und zur Unsterblich-
keit erhoben, wird ihm endlich im Hochzeitsfest auf
ewig vereint. In gnostischen Taufbräuchen und Er-
zählungen — auch einem sehr eigentümlichen Ab-
schnitt der früher erwähnten Erzählung von dem
Apostel Thomas — kehrt ja die Vorstellung immer
wieder, daß Gott sich der Seele des Auserwählten un-
sichtbar und doch durchaus sinnlich gesellt und sie
von ihm den Samen der Unsterblichkeit empfängt.
Diesem unsichtbaren Bräutigam muß die Seele in aller
Not und Versuchung Treue halten, dann darf sie nach
dem Tode des Leibes Gott wirklich schauen und mit
ihm die Himmelshochzeit feiern. Christlich oder jüdisch
ist diese Vorstellung nicht; auch im Griechischen be-
gegnen nur im Kult erstarrte und unverstandene Reste
der einst allgemein verbreiteten und noch rohen Ur-
vorstellung der Vermählung der Sterblichen mit dem
Gott. Ausgebildet und vergeistigt erscheint die Vor-
stellung erst in den hellenistischen, d. h. ursprünglich
orientalischen Mysterien. Hier ist die bräutliche Ver-
einigung der Seele mit Gott die Vorbedingung der
Unsterblichkeit und Vergottung. So kann es gamicht
zufallig sein, daß die Darstellung des bräutlichen Paares
Amor und Psyche in der Grabkunst so besonders be-
liebt ist und auf christlichen wie heidnischen Sarko-
phagen und Grabbildern immer wiederkehrt.
Beobachten wir ein wenig, wie dieser Glaube sich
im heidnischen Kult darstellt. Etwa zwei Jahrhunderte
vor Beginn unserer Zeitrechnung bildete die Liebes-
vereinigung mit Gott den Einweihungsritus der helle-
26 MODERNER ABERGLAUBE
nistischen, aber nach Italien übertragenen ßakchosmy-
sterien. Anknüpfend an die alte, weitverbreitete Vor*
Stellung-, daß Götter sich sterbliche Menschen als Ge-
liebte rauben und entrücken, läßt man den Novizen
durch eine Versenkungsmaschinerie plötzlich aus den
Augen der Gemeinde entschwinden; er ist von dem
Gott entrückt. Wie bei allen Mysterien^ wer nicht
wahrhaft geladen und von Gott erwählt ist, sterben
muß, so entschwinden auch hier viele Opfer für ewig.
Genau so trägt in der Erzählung des Apuleius zwar
die von dem Gott geforderte Psyche ein Wunder un-
versehrt in den Abgrund; ihre unrichtig geladenen
Schwestern aber zerschellen. Es ist seltsam, daß zwei
Jahrhunderte später nach dem Zeugnis eines alexan-
drinisch-jüdischen Philosophen in denselben Bakchos-
Mysterien der Zustand der Ekstase, des geistigen
Entrücktseins, als ein Geraubtsein von Eros bezeich-
net wird.
Die uralte Anschauung erhält sich zum Zorn guter
Muhammedaner noch heute mit seltsamer Festigkeit
im Orient. Ein eben aus Ägypten zurückgekehrter
Freund, Professor E. Littmann, erzählte mir nach dem
Bericht eines eingeborenen Schülers, daß sich vor
wenigen Jahren in einem mittelägyptischen Landstädt-
chen, Minyeh, folgender Vorfall ereignet hat. Ein zär,
einer jener Besessenheit bringenden Dämonen, verkün-
dete durch den Mund einer Zauberin, daß er ein Mäd-
chen aus einem bestimmten Hause zu heiraten begehre.
Man rüstete das Hochzeitsfest, lud Gäste und führte
endlich die Braut in die Kammer. Der zär blieb allen
Menschenaugen unsichtbar, aber er kam nach dem all-
gemeinen Glauben wirklich und ward des Mädchens
Gatte. Kult und Brauch geben, wo die literarische
GRUNDBEDEUTUNG 27
Tradition ihre Bedeutung sichert, den Grundgedanken
in der klarsten und einfachsten Form. Ich könnte
Theologen nur raten, jene Erzählung der Thomasakten,
in welcher der verzückte Apostel seinen Herrn als
den wahren Bräutigam der Königstochter ankündet
und dieser dann plötzlich im Hochzeitsgemach erscheint,
mit diesem modernen Bericht zu vergleichen. Die
Grundanschauung wird dadurch noch klarer als durch
die Beispiele aus dem Isiskult und gnostischen Bräu-
chen, die ich früher nur anführen konnte. Ich selbst
ziehe es aber vor, Ihre Blicke gleich auf Apuleius zu
lenken. Der Befehl des Gottes, der Hochzeitszug, die
Vereinigung mit dem unsichtbaren Gatten, alles kehrt
hier wieder, und wenn Psyche ins Haus des Amor
entführt wird, so geben für diese leicht erklärliche
Abweichung sogar die Bakchos-Mysterien Gegenbild
und Erläuterung. Nur weil Friedländer die religiöse
Vorstellung von dem unsichtbaren Gatten noch nicht
kannte, konnte er in der Erzählung nur das Märchen-
motiv von dem Tiergatten finden, der, solange das
Licht ihn bescheint, Bär oder Löwe, Schlange oder
Taube ist, nur im Dunkel Jünglingsgestalt annimmt
oder wiederannimmt und endlich erlöst wird. Es ist
die beständige Gefahr unserer motivsuchenden Mär-
chen- und Mythenforschung, um eines beiläufigen Zuges
halber ursprünglich Ungleichartiges miteinander zu
verbinden; wohl niemand ist ihr ganz entgangen.
Ein orientalischer Göttermythos liegt also tatsächlich
zugrunde. Er hatte schon begonnen, begriffliche Deu-
tung anzunehmen, als die Göttin als Weltseele und
ihr Partner als der kosmische Eros bezeichnet wurde,
und diese Bezeichnungen rückten ihn zugleich in den
Bereich griechischer künstlerischer Ausgestaltung. Er
28 MYTHOS UND FABULA BEI APULEIUS
ward frühzeitig zur Märchenerzählung; die rohen Züge,
die er ursprünglich noch trug, fielen fort, die Wande-
rung in die Totenwelt z. B. ward ihrer Bedeutung ent-
kleidet, zur bloßen Prüfung gemacht und zog weitere
märchenhafte Prüfungen nach sich. Zu der märchen-
haften Ausgestaltung und Häufung der Motive trat
später — vielleicht gamicht durch die Tätigkeit nur
eines Mannes — die Umgestaltung der Einzelheiten
nach den Vorbildern der erotischen Poesie. Aber durch
das bunte Rankenwerk, mit dem sich allmählig der
alte Kern umwob, schimmert die religiöse Bedeutung
noch immer durch, imd der Mysterienglaube hält die
Empfindung für sie wach. Weil in diesem Glauben
das Göttererlebnis immer vorbildlich ist für das, was
jeder Gläubige erleben soll, ist die Göttin Psyche zu-
gleich Repräsentantin der Menschenseele, eine Auf-
fassung, die dem Griechen, gerade wenn er nicht phi-
losophisch beeinflußt war, als die einzig natürliche und
gegebene erscheinen mußte. Mit Recht haben unsere
großen Dichter in dem Märchen ein Tiefstes geahnt,
nur daß nicht der klügelnde Scharfsinn eines Einzel-
nen, sondern die gewaltigste Dichterkraft, die wir
kennen, gläubige Sehnsucht vieler Geschlechter, es ge-
schaffen hat.
Aber wie kann ein immer noch religiös empfundenes
Märchen die eigentümliche Form annehmen, die ich
Ihnen früher schilderte, und wie kann es — selbst in
dieser Form — den Mittelpunkt eines so weltlichen
Buches bilden, wie die Verwandlungsgeschichten des
Apuleius es für uns sind? Mag diese Frage uns zum
Schlüsse auf den sicheren Boden literarhistorischer
Betrachtung zurückführen. Eine solche kann, wenn sie
eine Entwicklung erklären will, natürlich nur von dem
DER ERZAHLERSTAND. SEINE STOFFE
29
wirklichen Leben, nie aber von einer BegriiFsbestim-
mung ausgehen und sich auf ihren Umfang beschrän-
ken lassen. Mag das Märchen als phantastische Er-
zählung, die nicht an einem bestimmten Ort oder eine
bestimmte Person geknüpft ist, eine Urform der Unter-
haltung sein, nie bleibt es die einzige; Fabel und
Novelle, Schwank und Anekdote gliedern sich früh-
zeitig und untrennbar an, und wo die Unterhaltung
zur Kunst geworden ist und darum von einem Stande
gepflegt wird, da ist es selbstverständlich ein Stand
der Erzähler, nicht der Märchenerzähler. Von
dem Geschmack ihres Publikums hängt es ab, welche
Art der Unterhaltung sie bevorzugen. Wenn in Athen
schon die ausgehende alte Komödie einen Mann ver-
höhnt, der gegen Entgelt phantastische Erzählungen
vorträgt, so zeigt dieselbe Komödie mit ihren Erfin-
dungen, wie allgemein hier noch die Freude am phan-
tastischen, traumhaften Stoff ist. In den Hafenstädten
loniens scheinen gleichzeitig und kurz danach Novelle
und Schwank zu überwiegen. Die Liebesgeschichten
der neuen Komödie stammen nach einer alten, jetzt
glänzend bestätigten Konjektur überwiegend von hier.
Auch die poetische Kleinliteratur, besonders das ältere
Epigramm, spielt vielfach mit diesen ionischen Geschich-
ten, setzt sie als allgemein bekannt voraus oder gießt
sie in neue Form. Wenige Beispiele mögen das näher
erklären. Auf ein bekanntes Geschichtchen verweist
uns einer der ältesten alexandrinischen Epigramma-
tiker: am Strande von Paphos erschaute der junge
Klearch die Niko in den blauen Wogen schwimmen,
entbrannte in Liebe und flehte zu Aphrodite, der Herr-
scherin der Insel — und nicht umsonst: in immer
neuer Liebessehnsucht vereinigen sich jetzt beide. Das
Reitzenstein: Amor und Psyche. 3
30
POETISCH BEHANDELTE FABULAE
Epigramm will nicht selbst erzählen, sondern für einzelne
Züge einer allbekannten Erzählung, die auch in der
Vorfabel einer attischen Komödie benutzt scheint, zier-
liche Wendungen und Pointen finden. Die Erzählung
selbst taucht uns viele Jahrhunderte später in den
Briefen eines gezierten Rhetors wieder auf, angeblich
als eigenes Erlebnis. Angelnd steht er am Ufer, da
kommt eine jugendliche Schöne, um zu baden, bittet
ihn, ihre Gewänder zu hüten und entkleidet sich vor
ihm. Wie sie in den Fluten schwimmt, möchte er ver-
zückt glauben, eine Nereide zu schauen — wenn er
sie nicht schon vorher gesehen hätte. Die dem Meer
entsteigende scheint ihm gar Aphrodite selbst. Aber
als er ihre Gunst erringen will, zerbricht die stolze
Schöne ihm sein Fischergerät, wirft die gefangenen
Fische ins Meer und enteilt. Der Brief, der, wie oft in
dieser Zeit, nur eine kurze und pikante Novelle bieten
will, ist nur in Einleitung und Schluß selbständig, der
Mittelteil gehört der alten Erzählung an, ja gewinnt
erst durch ihre Lokalisierung seine volle Bedeutung.
Es ist möglich, daß sie die Sage von Peleus und The-
tis, wie sie etwa Ovid darstellt, modernisierend nach-
bilden sollte. Wenigstens finden wir in der gleichen
Literatur eine Sagenparodie, eine Modernisierung des
Paris-Urteils, sogar in doppelter Fassung. Richter in
dem Schönheitsstreit sterblicher Mädchen ist in alten
Epigrammen Priap, oder vielmehr ein Standbild dieses
Gottes, in einer ebenfalls alten, gewollt naiven Tempel-
legende ein Jüngling; eine Reihe von Epigrammdichtern
verschiedener Zeit erzählen dann das Geschichtchen
als eigenes oder fremdes Erlebnis. Wieder ein altes
Epigramm deutet kurz an, wie der junge Nikagoras
die spröde Aglaonike beim Gelage durch Wein in
EINE 7^^567:^4 BEI PROPERZ 31
Schlummer versenkt und dann überwältigt hat; am
anderen Morgen weiht sie beseligt der Liebesgöttin
ihr Gewand als Zeugnis des nächtlichen Kampfes.
Wieder will das Epigramm nicht erzählen, es verweist
auf eine bekannte Geschichte, wie sie junge Leute von
einem Genossen berichten, und gibt in der Pointe eine
überraschende und anmutige Wendung. Eine ähnliche
kurze Erzählung gibt mit derbkomischer neuer Pointe
ein Epigrammatiker des augusteischen Zeitalters, Mar-
cus Argentarius, und mit seinem kurzen Scherz be-
rührt sich wieder ein längeres frühbyzantinisches Ge-
dicht des Agathias darin, daß beide di6 Prosaerzählung
eines Romanes des Achilles Tatius fast wiederspiegeln.
Dem Agathias in der Breite der Erzählung verwandt,
nur inhaltlich roher ist der Bericht eines antiken Don
Juan bei dem Zeitgenossen des Agathias, Paulus Si-
lentiarius, und er wieder stimmt derartig mit einem
anmutigen Jugendgedicht des Römers Properz über-
ein, daß wir als ihre gemeinsame Quelle eine frühale-
xandrinische Scherzelegie mit Sicherheit rekonstru-
ieren können, die der Byzantiner ziemlich getreu wieder-
gibt, während Properz sie nach Inhalt und Stil adelt
und in eine neue Sphäre überträgt. Aus dem derb-
frivolen Spaß macht er ein reizvolles Bild beglückter
Liebe, in dem sein Mädchen, soweit es der schalkhafte
Ton des Ganzen zuläßt, fast wie eine Penelope be-
schrieben wird, die eines offenbar etwas flatterhaften
Gemahles harrt. Und noch sind wir nicht zu Ende.
Verallgemeinern wir den ursprünglichen Typus nur ein
wenig, so finden wir ihn in den Erzählungen der neuen
attischen Komödie wie in den jüngeren bukolischen
Gedichten wieder. Es ist ein fester Stoff der Unter-
haltung und zugleich der Scherzpoesie. Ich will dabei
3*
32
DER FAß [/LA TOR
natürlich nicht für jede einzelne Geschichte direkt io-
nischen Ursprung behaupten oder leugnen, daß ab und
an auch ein wirkliches Erlebnis mit eingreift. Aber
im allgemeinen spiegeln diese Geschichtchen das Ge-
plauder übermütiger Jünglingskreise und zeigen, mit
wie eigenartiger Zähigkeit in ihm das pikante oder
phantastische Abenteuer fortlebt und immer wieder
bald als eigenes, bald als fremdes Erlebnis forterzählt
wird. Jeder neue Erzähler modelt Pointe und Tonart
und bleibt doch abhängig, zunächst freilich wohl we-
niger von einem bestimmten literarischen Vorbild als
von einer mündlichen Tradition.
Von einem bestimmten Erzähler stände hören wir
in Rom etwa seit Augustus' Zeit. Der Kaiser selbst
ließ sich, wenn er nicht schlafen konnte, einen fabula-
tor kommen, wie das nach orientalischer Sage schon
früher der große Alexander und so mancher Herrscher
vor ihm und nach ihm getan hat. Dann schildert uns
der jüngere Plinius das Treiben dieser römischen fa-
bulatores. Dem kleinen Volke preisen sie sich an und
verheißen, wie noch heutzutage ihre Gegenbilder im
Orient, für ein Stück Scheidemünze eine 'goldige' oder
eine neue Geschichte, eine fabula. Was Plinius selbst
als solche bietet, sind lustige Skandalgeschichten von
einem politischen Gegner, der als Erbschleicher ver-
höhnt wird. Einen volleren Begriff gibt Apuleius, der
ja in seinem Buch als fabulator erscheinen und nichts
als fabulae bieten will. Dieser Begriff umschließt für
ihn jede anschaulich erzählte ergötzliche Geschichte,
kleine, oft recht laszive Novellen, die z. T. in Boccac-
cios Dekamerone übergegangen sind, ebenso gut wie
die Rahmenerzählung von dem zum Esel verwandelten
Jüngling oder das Märchen von Amor und Psyche.
HISTORIA UND FABULA
33
Den Gegensatz bildet für ihn die ernste und patheti-
tische Erzählung, die rühren will, die historia, für
welche buchmäßige Verbreitung als selbstverständlich
angenommen wird; sie ist ihm — offenbar mit Recht
— eine altanerkannte Literaturgattung. Apuleius hat
sich diese Begriffe nicht neu oder nur aus seiner Zeit
gebildet. Beide werden ganz ebenso schon von den
augusteischen Dichtern verwendet. Die Anekdoten, die
sich lustige Jünglinge beim Wein von unglücklich lie-
benden oder betrogenen Kameraden oder Mädchen er-
zählen, sm.6. fabulae, rührsame Erzählungen, z. B. von
seltener Liebestreue, sind historiae. Dabei ist es an sich
natürlich gleichgültig, ob der Stoff der Gegenwart oder
der Vergangenheit angehört.
Zur Unterhaltungskunst gehört also die fahula. Wer
sie wirklich als Kunst betrieb, wird sich frühzeitig
seine Scherze und Erzählungen ausgearbeitet haben,
wie das der orientalische fahulator noch jetzt tut.
Aber mag auch schon in einer mittleren Komödie,
die des Plautus Perser uns spiegelt, ein Parasit sich
rühmen, eine ganze Kiste von Büchern attischer Scherze
zu besitzen und mit ihr seiner Tochter die reichste
Aussteuer geben zu können, es sind zunächst doch nur
Privataufzeichnungen, die 'Literatur' erst werden, wenn
ein Dichter einzelne in Verse umsetzt, oder wenn ein
scheinbar gelehrtes Interesse die Veröffentlichung einer
Sammlung rechtfertigt. Sonst gehören diese Plaudereien
der mündlichen Tradition und sie zu ihnen; eine Kunst
mag bestehen, nur kann sie nicht als schriftstelle-
rische Kunst empfunden werden, der 'mündliche Stil'
ist wesenhaftes Erfordernis.
Endlich wagte es ein kecker lonier, Aristeides von
Milet, eine vielbändige Sammlung prosaischer 'Plaude-
34
ARISTEIDES ALS PLAUDERERZÄHLER
reien' in Buchform herauszugeben. Er wählte die ge-
zierteste Kunstsprache, behielt aber, wie die Nach-
ahmungen zeigen, den mündlichen Stil bei: der Leser
wurde beständig unmittelbar angesprochen; das Buch
plauderte mit ihm. Bewußte Rhetorik hat hier eine
Kunstart geschaffen, die Ihnen allen aus einer ge-
wissen Art des Feuilletons bekannt ist, die in der
Nachahmung eleganten und geistreichen Geplauders
ihren Reiz sucht. Selbst die Titel 'Wiener Plaudereien'
oder 'Briefe aus Paris' werden Ihnen vielleicht in Er-
innerung gerufen, wenn Sie hören, daß Aristeides den
Titel 'Geschichten aus Milet', MiXriciaKd oder MiXricmKOi
XÖYOi, wählte, denselben Titel, unter dem einst ionischer
Wissensdurst vereinigt hatte, was er an einem be-
stimmten Ort an Merkwürdigem und Wissenswertem
besonders aus der Vorzeit erfragt und erkundet hatte,
die Geschichte des Orts. Nur sucht unser 'Forschungs-
reisender in der Heimat' das Merkwürdige nur in einer
bestimmten Sphäre; aus der Geschichte Milets werden
i ihm 'Geschichtchen aus Milet', fabulae Milestae, wie
der Römer Sisenna den Witz verderbend übersetzen
mußte, um seinen Landsleuten das Charakteristische
dieser für sie ganz neuen Gattung fühlbar zu machen.
Da erzählt ihm ein Bekannter einen ganzen Sommer-
\. tag lang, wie schwer Aphrodites Zorn auf ihm laste:
unersättlich müsse er immer neue Mädchen und Knaben
lieben, und immer habe er Glück. Die erweiternde und
überbietende Nachahmung in dem genial - frechsten
Buch der römischen Literatur, dem sogenannten Roman
des Petron, mag eine Vorstellung geben. Natürlich
waren auch bei Aristeides in dem langen 'Katalog',
j den dies Urbild eines Don Juan in der Weltliteratur
gab, die Opfer der Verführung mit wirklichen oder
STOFFE DES ARISTEIDES
35
erdichteten Namen bezeichnet; sein Werk konnte als
eine 'Skandalgeschichte seiner Heimat' gefaßt werden.
Die Kunstprosa wetteifert hier, wie damals oft, zugleich
bewußt mit der Poesie, Ahnlich hatte der erste ioni-
sche Lyriker Archilochos den lauschenden Mitbürgern
seine Liebesabenteuer mit Neobule erzählt und sie da-
durch der Sage nach in den Tod getrieben; ähnlich;
nur niedrigerem Geschmack sich anpassend, der Dich-
ter Hipponax von Arete und seinem Gegner Bupalos
berichtet. Daß seine iambischen Vorträge daneben auch
Fabeln und Erzählungen boten, wie wir sie jetzt aus
den Nachahmungen des Kallimachos kennen, legt die
Vermutung nahe, daß schon Hipponax mit volkstüm-
lichen, vom Orient beeinflußten fabulatores wetteiferte ,
für spätere Dichter scheint es sicher. Auch Aristeides
ging, wie ich zu Anfang schon erwähnte, weiter, offen-
bar weil seine Vorbilder, die volkstümlichen Plauder-
erzähler, es auch taten. Die Verwandlung eines Men-
schen in ein Tier ist ein Lieblingsmotiv aller Märchen-
dichtung, und frühzeitig wird diese Verwandlung als
Entwürdigung und Strafe gefaßt, die von einem be-
stimmten Laster heilen soll. So mag die Erzählung
von dem zum Esel verzauberten und später erlösten
liebesgierigen Jüngling lange umgelaufen sein. Mit
keckem Witz bildete Aristeides sie zur Skandalgeschichte
um: der Entzauberte, der ihm seine Erlebnisse erzählt,
darf sich rühmen, gerade als Esel die Liebe einer
vornehmen Dame gewonnen zu haben. Ein äußerer Zu-
sammenhang zwischen den beiden langen Erzählungen
vom Eselsmenschen und vom Don Juan ist kaum denk-
bar; der feuilletonistische Plauderer braucht ihn auch
nicht; er läßt mit einem neuen Tage und neuen Buche
eine neue Erzählung beginnen. Ob auch der Götter-
36 ÜBERGANG DES MYTHOS IN DIE FABULA
mythos schon bei Aristeides vorkam, ist allerdings un-
sicher; für seinen Übersetzer Sisenna glaubten wir es
nach einer Andeutung des Apuleius annehmen zu dür-
fen. In kunstloser Form lebte der Mythos, wie man-
cherlei spöttische Bezeichnungen uns lehren, in den
Frauen- und Kinderstuben fort; auch Apuleius führt
seinen Götterm)^hos darum mit Absicht als Plauderei
eines alten Weibleins ein. Eine Aufnahme und künst-
lerische Umbildung auch dieses Stoffes wäre für Ari-
steides durchaus möglich, ja passend gewesen. Auch
der Mythos war ja in der Dichtung längst zur spie-
lenden und frivolen Unterhaltung verwendet worden.
Der Sang von Ares und Aphrodite beim Gastmahl der
Phäaken in der Odyssee zeigt in der anmutigen Aus-
gestaltung besonders des Schlusses alle Merkmale er-
götzlicher Kunsterzählung und das Schalten der kecken
Phantasie eines vollständig irreligiösen Sängers. Dem
römischen Dichter ist er eine fabula. Nicht viel fröm-
mer, wohl aber raffinierter war in hellenistischer Zeit
die Kunst geworden und bequemte sich dem Glauben
des braven Bürgers, dem sie seine Götter in die eigene
Gefühlssphäre rückte, gern mit einer Art treuherziger
Schalkhaftigkeit an. Hohe Kunst schildert uns damals,
wie die kleine Artemis sich auf die Kniee des Götter-
vaters setzt und dem 'Papachen' die Ehren, nach denen
sie trachtet, abschmeichelt. Hohe Kunst betont, daß
Hera ihren Widerstand gegen die Erhebung des ver-
haßten Stiefsohns Herakles in den Olymp schließlich
aufgibt, weil sich mit dem Eintritt neuer Götter end-
lich eine passende Partie für ihre Tochter Hebe bietet,
oder schildert, wie dieselbe Göttin für ihr Ziehkind
Thetis, der Zeus die Ehe mit einem Gott verwehrt,
wenigstens den bravsten Sterblichen zum Gatten aus-
MYTHEN ALS FABULAE, TIBULL
37
sucht; es ist eine Mesalliance, aber einen Mann muß
das Mädchen doch bekommen. Wir brauchen die An-
schaulichkeit und gesuchte Naivetät des Göttermythos
in der großen Dichtung nur noch ein wenig zu stei-
gern, um den Ton des Kunstmärchens zu erhalten.
Denn fast überall, wo bewußte oder halbbewußte
Kunst den seltsamen und phantastischen Stoff schlichte-
stem Vorstellungsvermögen anpaßt, entsteht jene Freude
an der Dissonanz zwischen Stoff und Darstellung, die
auf den reiferen Hörer humoristisch wirken soll. Das
für Kinder, aber nicht für sie allein, bestimmte Mär-
chen oder Lied will von einem König anschaulich er-
zählen und läßt ihn etwa morgens im Fenster liegen,
natürlich mit der Krone auf dem Kopf. Es ist im
Grunde die gleiche Kunst, die bei Hans Sachs den
Apostel Petrus, den Heiland oder gar Gott Vater mit
treuherzigem Humor schildert und jetzt noch aus ein-
zelnen Nachahmungen volkstümlicher niederdeutscher
Erzählungen bei Frenssen oder in maniriert literarischer
Umbildung aus den Legenden Gottfried Kellers zu
uns spricht.
Von der Tonart in der Antike kann uns vielleicht
eine Elegie Tibulls — beiläufig die einzige, für die
sich ein griechisches Vorbild sicher nachweisen läßt
— eine Vorstellung geben. Ein Göttermythos soll als
fabula behandelt werden, freilich als fahula im Sinne
der Spottgeschichte, die man sich über einen Kame-
raden beim Wein erzählt. Denn ein feiner jimger Städter,
den die Liebe aufs Land und zu bäuerlicher Arbeit
zwingen will, tröstet sich über die Sorge vor dem
Spott seiner Genossen mit der Erwägung hinweg:
auch Gott Apollo hat sich nicht gescheut, zur fahula
zu werden; aus Liebe zu Admet ward er Kuhhirt und
38 ERZÄHLUNGEN IN DER POPULÄRPHILOSOPHIE
wohnte in ärmlicher Kate; bei Sonnenaufgang mußte
er die Herde austreiben; all sein Denken war auf
Korbflechten und Käsebereitung gewendet, und wollte
er wirklich einmal singen, so brüllten sicher die Rinder
dazwischen. Schwester Artemis fühlte sich oft peinlich
geniert, wenn sie ihm begegnete und er gerade ein
Kalb auf der Schulter trug — der Dichter erinnert
scherzend an das bekannte archaische Kunstwerk, den
Kalbträger — und seiner Mutter Latona gab es jedes-
mal einen Stich ins Herz, wenn sie sah, wie verfitzt
und verzottelt die langen Locken ihres Sohnes jetzt
waren, die einst selbst Hera, die eifersüchtige Stief-
mutter, bewundert hatte.
Es ist nur noch ein kurzer Schritt von hier bis zu
der travestierenden Mythenerzählung, die sich fast
gleichzeitig in der populärphilosophischen Literatur
ausbildete. Schon früh hatte der Populärphilosoph —
der Prediger, wie wir fast sagen könnten — Anlaß,
mit dem volkstümlichen Erzähler zu wetteifern. Wir
müssen auch hier weniger von Begriffsbestimmungen
als von den Schilderungen des wirklichen Lebens aus-
gehen, wie sie uns in späterer Zeit Horaz, Plutarch
und der jüngere Plinius geben. Die Aufgabe des oft
nur oberflächlich Gebildeten ist, das kleine Volk zu
fesseln; in scharfer Beobachtung der Mitmenschen sam-
melt er sein Material und legt sich, wie die Betroffenen
klagen, einen Schatz von Bosheit an, von Skandal-
geschichten, die sich im gegebenen Moment passend
verwenden lassen. Man fürchtet, ihm nahe zu kommen,
und muß beruhigt werden: der verfolgt nur die Laster,
nicht die Person. Barocke Einfälle und Phantasien oder
überraschende Wendung dem Volke bekannter Mythen
sicherten den Erfolg, und auch der Philosoph fand früh-
DIE MENIPPISCHE SATIRE
39
zeitig Behagen daran, den Stil des mündlichen Vor-
trags in der Aufzeichnung beizubehalten oder nachzu-
ahmen. Neben den Vortrag für das geschulte Publi-
kum trat von Anfang an dabei der Vortrag für die
Menge. So war es begreiflich, daß schon im dritten
Jahrhundert v. Chr. ein geborener Journalist, der Syrer
Menipp von Gadara, das, was ursprünglich Lockmittel
und Beiwerk war, zur Hauptsache machte. Wieviel
fesselnder als eine bloße Aufzählung menschlicher Tor-
heiten und Laster war doch eine Erzählung, wie der
Prediger, zum Himmel entrückt und zugleich mit wunder-
barer Sehschärfe begabt, von oben das Treiben der
Menschen, der Hohen und Niederen, erschaut oder, zur
Totenwelt herabgestiegen, sie über sich reden hört.
Und wieviel wirksamer und dabei leichter war dies
moralisierende Feuilleton, wenn es, statt unmittelbar
das Streben nach Bereicherung zu geißeln, etwa den zur
Unterwelt herabgestiegenen Odysseus, der den Tei-
resias um seine Heimkehr befragt, als er von dem
Treiben der Freier in seinem Hause hört, ängstlich
sich erkundigen läßt, wie er das von ihnen verpraßte
Vermögen am leichtesten wiedererwerben könne: nun
ist es der untrügliche Seher der Vorzeit, der dem viel-
gewandten Heros in Rat und Lehre die erbärmlichen
Mittel angibt, durch welche die Gegenwart sich Reich-
tum erringt. Wir begreifen, daß die Kontrastwirkung,
welche hier vor allem erstrebt wird, zu ungewöhnlich
reichen Dichterzitaten, ja bald auch zu eigenen poeti-
schen Einlagen verlockte, und daß, wenn gleich von
Anfang an das schriftstellerische Interesse das mora-
lische überwog, schon der nächste Nachahmer, der
Rhetor und Dichter Meleager von Gadara, wieder ein
Syrer, die Anmut in der Handhabung dieses stillosen
40
DIE SATURA BEI SISENNA UND APULEIUS
Stiles der Plauderei als Hauptsache empfand. Für rö-
mische Nachahmer berührten sich beide Arten feuille-
tonistischer Literatur zudem durch die Verwendung
der gleichen rhetorischen Mittel und des gleichen
Stiles. Es ist kein Wunder, wenn Sisenna der Satire
Varros auf seine fahula Einfluß gestattete. Genügte
doch schon die inhaltliche Ähnlichkeit beider Gat-
tungen, um vier Generationen später einen Petron so-
gar die äußere Form der satura auf die fabula über-
tragen zu lassen.
Vor solchem Mißgriff hütet sich Apuleius, ja es scheint,
daß die satura auf ihn überhaupt nicht unmittelbar
wirkt Wo der parodistische Ton, der ihr eigen ist,
wirklich einsetzt, bleibt er ganz gedämpft und hebt
sich nur wenig von den stärksten Steigerungen des
humoristischen Tones des Kunstmärchens — etwa in
den Scheltreden der Venus — ab, über den ich früher
gesprochen habe. Hauptsächlich dient die leicht paro-
distische Färbung unserm Schriftsteller dazu, die letz-
ten, im Olymp spielenden Szenen seiner Erzählung nicht
allzu erhaben und pathetisch werden zu lassen. So
wird die Götterversammlung, wie ich früher andeutete,
gleich zu Anfang ins Heitere gezogen. Ahnlich die
Götterhochzeit, die für den alten Mythos ja den Höhe-
punkt, den religiös wichtigsten Teil des Ganzen bil-
dete. Dieselben alexandrinischen Hochzeitslieder, denen
Apuleius früher die prunkvollen Bilder von der Fahrt
der Venus durch das Meer und durch den Äther ent-
nommen hat, boten farbenprächtige Beschreibungen der
Hochzeit des Peleus und der Thetis, des Kadmos und
der Harmonia oder des Dionysos und der Ariadne:
alle Götter bringen ihre Gaben, Apollo greift in die
Saiten, die Musen singen und die Charitinnen oder die
AUFFASSUNG DER WUNDERERZÄHLUNG
41
Nereiden tanzen. Apuleius erwähnt das alles nur ganz
kurz und trocken und fügt zwei Einzelzüge ein. Für
den Reigentanz der jugendlichen Göttinnen setzt er
nach Sitte und Geschmack seiner Zeit den Solotanz
einer Künstlerin ein — es ist Frau Venus selber, die
Mutter des Bräutigams — und ihr Gatte, der Feuer-
gott Vulkan, muß, um doch auch etwas beitragen zu
können, in eigener Person das Hochzeitsdiner kochen.
In leichtem Humor soll sein Märchen verklingen. Das
ist offenbar ein Kunstgesetz dieser Gattung.
Doch nur die eine Frage haben wir bisher beant-
wortet und nur die Äußerlichkeiten, nur den Stil, er-
klärt. Noch empfinden wir nicht, wie selbst in dieser
Umgestaltung ein religiöses Märchen in das Ganze der
Verwandlungsgeschichten passen will. Wir müssen die
Auffassung nicht des einzelnen Heil- oder Offenba-
rungswunders, durch dessen Bericht Priester oder Pro-
pheten die Macht ihres Gottes preisen, sondern der
wunderbaren Erzählung überhaupt ins Auge fassen,
auch wenn sie scheinbar nur unterhalten will. Diese
Auffassung beginnt sich seit dem ersten Jahrhundert
vor Christus auch in den Kreisen der Gebildeten all-
mählig zu ändern. Irre geworden an der eigenen Kraft
auf moralischem wie intellektuellem Gebiet sehnt man
sich nach Beweisen für das Hereinragen einer höheren
Welt in die sichtbare. Spiritismus und Geisterzwang
aller Art, Zauber und Sühnvorschriften gewinnen all-
gemeines Interesse, das Unbegreifliche an sich erhält
religiösen Wert, und ein unklares Glaubensbedürf-
nis fragt nicht nach der Art des Wunders, wenn es
nur Wunder schauen und von Wundern hören kann.
So gewinnen jene alten phantastischen Erzählungen
oder selbst Märchen neue Bedeutung; sie sind ja über-
42
VERWANDLUNGSGESCHICHTEN
' liefert, und keine Schulweisheit mag sagen, ob sie nicht
wirklichen Ereignissen entsprechen. So will denn schon
^.\ Ovid seine rein dem Ergötzen gewidmeten, oft frivolen
i Verwandlungsgeschichten im Eingang als Beweise für
das Wirken und Walten der Götter hinstellen und läßt
sie in eine neupythagoreische Predigt ausklingen, in
die Huldigung an eine im Orient umgestaltete religiöse
Philosophie, der bald das Wunderbare als das einzig
Natürliche und die höhere Wahrheit erschien. Eine ein-
heitliche Entwicklungsreihe führt von hier bis zu jenem
späten Philosophen Damascius, der in einem vierbän-
digen Prosawerk 'Wundergeschichten' zunächst die wun-
derbaren Erzählungen der alten Dichtung zusammentrug,
dann neuere seltsame Geschichten von Dämonen, weiter
bezeugte Erscheinungen Verstorbener, endlich unerklär-
liche Naturvorgänge. Alle diese Erzählungen sind ihm
gleichwertig, weil alle 'wunderbar' sind; das Wunder
{ ist ihm der Grund der Religion, und seine Philosophie
ist Religion. Der leidenschaftliche Kampf der Ratio-
nalisten, welche diese Wunder und zugleich den Mythos
. erklären, ist für das Empfinden der Zeit ein Kampf
• gegen die Religion.
In diese Entwicklung führt uns im Anfang des zwei-
ten Jahrhunderts n. Chr. ein Prosawerk 'Verwandlungs-
geschichten', dessen Verfasser sich nur mit seinem
Vornamen und der Heimatsangabe Lucius von Patrae
nannte. In den zwei ersten Büchern erzählte er als
eigenes Erlebnis jene Geschichte von dem zum
« Esel verzauberten Jüngling, die Aristeides aus einem
\ Märchen zum boshaften und pikanten Feuilleton um-
gebildet hatte. Ob er den Aristeides direkt oder durch
Mittelquellen benutzte, wissen wir nicht, nur daß die
pikanten Zusätze des Aristeides mitübernommen waren.
VORGÄNGER DES APULEIUS
43
Stil und Empfindung waren freilich anders geworden.
In schlichter Sprache, offenbar also für ein breiteres ^'
Publikum berechnet, sollte die Erzählung zwar durch
die lasziven Einzelheiten ergötzen, durch den Wunder-
bericht aber zugleich religiöse Wirkung üben und den ^
Glauben an die Macht der Gottheit stärken. Ein witzi-
ger Gegner griff diese beiden ersten Bücher, denen
ähnliche andere Erzählungen gefolgt sein müssen,
heraus, offenbar weil allein hier sein Widerpart der
Form nach von eigenen Erlebnissen zu berichten schien.
Geschickt verkürzte er sie so, daß das sinnliche Ele-
ment stärker hervortrat, ohne doch Gang der Hand-
lung oder Sprache namhaft zu verändern. Bei der Ent-
zauberung ließ er den Verfasser in einer für alle Lite-
raturkenner deutlichen Weise seine Person näher kenn-
zeichnen und fügte zugleich ein letztes, groteskestes
Abenteuer hinzu, welches handgreiflich beweisen sollte,
daß der Erzähler nach der Begnadigung durch Gott
noch genau so dumm und geil geblieben sei, wie nach ^
eigenem Geständnis früher in der Tiergestalt. *Lukios
oder der Esel', so mag von Anfang an der Titel dieses
in der Tat höchst belustigenden Volksbuches gelautet -^
haben. Wie bei den ionischen Novellen und Schwän-
ken, die ich früher erwähnte, geht der gleiche Stoff
von Erzähler zu Erzähler; mit erstaunlicher Treue wer- ^
den die Hauptzüge übernommen, mit voller PYeiheit
Pointe und Tendenz umgestaltet. Nicht ob der Er-
zähler die alte Geschichte wirklich erlebt hat, sondern
wie er sie zu erzählen weiß und welche Wendung er
ihr gibt, interessiert das Publikum.
So überkommt — nach meiner Ansicht wenigstens —
Apuleius den Stoff, stellt sich zunächst selbst als den '\
durch jenen Streit berühmten Lucius vor und läßt es,
44
WERK DES APULEIUS
um den Leser zu spannen, lange Zeit unentschieden,
ob er die Erzählung zur Verhöhnung oder zur Be-
' kräftigung des Wunderglaubens verwenden will. Erst
allmählig treten in den Einlagen auch ernstere Züge
hervor, ohne doch bis zu der Geschichte der Entzau-
berung wirklich vorherrschend zu werden. Erst sie
bringt in leidenschaftlichster Betonung, die man nie
hätte verkennen dürfen, die religiöse Wertung der Ge-
\ schichte und zugleich die neue Selbstvorstellung des
Autors. Man glaubt zu empfinden, daß eine erste reli-
giöse Umbiegung der Erzählung — ich denke eben
durch Lucius von Patrae — Angriffe erfahren hat und
der Autor sie daher verstärkend wiederholen will und
zugleich mit seiner Person eintritt, was er allerdings
nur kann, wenn die Form der Erzählung in erster Per-
f son in diesen Stoffen ganz konventionell war. Die stili-
stische Nachahmung der ältesten lateinischen Fassung
dieser Erzählung soll dem Ganzen zugleich den Cha-
rakter des Literaturwerks höherer Ordnung geben. Ähn-
lich die Komposition: Apuleius wählt statt des ein-
fachen Nebeneinander verschiedener langer und kurzer
I Geschichten die Kunstform der Rahmenerzählung; in
die eine fahula sind die anderen eingelegt, etwa wie
in Gottfried Kellers 'Sinngedicht' die Einzelnovellen
in die Rahmenno v eile. Von einem Roman des Apu-
leius würde ich dennoch nicht reden; der antike Ro-
I man geht von der historia aus, und was Apuleius bietet,
' bleibt fabula und kann ein einheitliches Werk gar
nicht werden. Der wunderliche Kontrast, in dem die
meisten Einlagen und selbst der überwiegende Haupt-
teil der Eselsgeschichte zu dem breit ausgeführten
Schlüsse steht, ist nicht nur aus der schriftstellerischen
PERSON DES APULEIUS
45
Schwäche des Apuleius zu erklären, der nicht die
Kraft hatte, den überkommenen StofiF zu sichten und
die Haupterzählung schon vor dem Schlüsse umzu-
biegen, sondern liegt zum Teil in dem Wesen der fa-
biila selbst, die heiterer Ergötzung noch dienen will,
auch wenn Wundererzählung und Mythos in ihr zugleich
religiöse Bedeutung gewonnen haben. Freilich diese
Zwiespältigkeit entspricht zugleich dem Wesen unseres
Schriftstellers. Nicht nur der frivole, die Sinnlichkeit
reizende Scherz, auch die Glaubenssehnsucht einer fried-
losen Zeit soll in seinem Geplauder wiederklingen, und
gar zu gern möchte dieser Virtuose elegantester Unter-
haltungskunst im Schluß als Prophet verkünden, wo ;'
ihr dunkler Drang nach Erlösung Befriedigung finden
könnte. Aber er trägt den Prophetenmantel mehr wie
ein Schauspieler als wie der Sendbote eines Gottes,
und sein überbildetes Publikum will wohl einmal neben /
anderen recht irdischen Empfindungen auch das Ge-
fühl schwärmerischer religiöser Hingabe durchkosten,
schwerlich aber ernsthaft um die innere Verwand-
lung und Erneuerung ringen, die das letzte Wunder ^
dieser 'Metamorphosen' ausmacht. Für Schreiber und
Leser steht die Kunst über der Religion. Das zeigt sich '
gewiß auch in der Behandlung des Psychemärchens, für
das wir jetzt wohl gern eine längere, auch literarische -
Entwicklungsgeschichte annehmen werden. Aber so-
viel echt religiöses Empfinden hat selbst diese kraft-
lose Zeit und dies sinkende Geschlecht wiedergewonnen,
daß eine der tiefsten Dichtungen gläubiger Sehnsucht ^
durch ihre Künsteleien nicht entseelt wird. Wie die
Darstellung des Eros und der Psyche auf den Sarko-
phagen einst in dem nachdenklichen Beschauer die
Revtzenstein: Amor und Psyche. 4
46
WERK DES APULEIUS
Ahnung eines neuen Lebens weckte, so lenkt dies
letzte literarische Kunstwerk des hinsterbenden Klas-
sizismus die Gedanken des Philologen zum Schluß auf
eine neue Zeit, die schon im Werden ist und auch in
ihm sich ankündigt.
AUSFÜHRUNGEN.
4*
Die literarhistorische Untersuchung, auf welche der voran-
stehende Vortrag sich stützt, ward vor ein paar Jahren im An-
schluß an Hans Lucas' feinsinnigen Aufsatz 'Zu den Milesiaca
des Aristides' (Philologus 66, i6lf.) entworfen. Die ungemeine
Belesenheit des Verfassers schien mir zu verbürgen, daß eine
Beobachtung zu einem Fragment des Sisenna, die ich lange
vorher einmal gemacht hatte, literarisch nicht vorgebracht sei.
Seither hat O. Weinreich in dem reizvollen Buch 'Der Trug
des Nektanebos', in welchem er das Werden einer hellenisti-
schen Novelle und ihre Wanderungen bis in die indische Er-
zählungsliteratur verfolgt, diese Beobachtung zwar kurz vor-
getragen (S. 37 A. 4), ohne jedoch Folgerungen aus ihr zu
ziehen. So lasse ich meine Ausführungen im wesentlichen in
ihrer früheren Form und ergänze nur ihren Schluß.
Der rhetorische Klassizismus des zweiten Jahrhunderts n. Chr.
verwendet in Rom für die verschiedenen Stoffe verschiedene
Stilarten; besonders für den lexikalischen Teil, der immer mehr
in den Vordergrund tritt, stellt er ältere Muster jeder Gattung
auf. In ihrer Reihe begegnet bei Fronto p. 62 N. bekanntlich
auch Sisenna, der- zu den particulatim elegantes gerechnet wird:
Novium et Pompomum et id genus in verbis rusticanis et iocularibus
ac ridiculariis, Attam in muliebribus, Sisennavi in lasciviis, Lu-
cilium in cuiusque artis ac negotii propriis. Daß Sisennas fabulae
Milesiae gemeint sind, ist klar; sie gelten dem Vertreter des
klassizistischen Archaismus als 'das Vorbild' für pikante ero-
tische Erzählungen, wie sie damals auch in der griechischen
Literatur wieder Mode werden. Die Metamorphosen weichen
50
EINLEITUNG DES APULEIUS
in der Wortwahl von den andern Schriften des Apuleius ab^),
verraten also die Einwirkung eines bestimmten stilistischen Vor-
bildes. Wir würden auf Sisenna schließen, selbst wenn er nicht
zweimal klar bezeichnet wäre. Ich setze die beiden viel miß-
handelten Stellen hierher. Das Werk beginnt: Af ego tibi ser-
mone isto Milesio varias fdbulas conseram auresque tuas henivolas
lepido susurro permulceam ; modo si papirum Aegyptiam argutia Ni-
lotici calami inscriptam non spreveris inspicere, figuras fortunasque
hominum in alias imagines conversas et in se rursum mutuo nexu re-
fecias, ut mireris, exordior?) Die beste sachliche Erklärung gibt
der Eingang der "EpuüTe(g Pseudolucians, der auf den Eingang
der MiXriciaKd des Aristeides Bezug nimmt: die Plaudererzäh-
lung will dem von ernster Arbeit ermüdeten Geist Erholung
bieten^); wer von des Tages Geschäften müde ist, ruft sich ja
auch den fabulator, um auf andere Gedanken zu kommen.*)
Auf die Empfindung des Lesers 'ich bin müde, zu allem Ern-
sten zu müde', antwortet das Buch in den Eingangsworten 'ich
aber will dir vorplaudern.'
Dieser eigentümliche 'mündliche Stil', den man bisher wohl
zu wenig hervorgehoben hat, geht durch das ganze Werk; be-
ständig spricht der Autor zu dem Leser, indem er doch zu-
gleich das Medium des Buches ab und an stark hervortreten
läßt, vgl. z. B. X 7 haec ad istum modum gesta compluribus mutuo
sermocinantibus cognovi. quibus autem verbis accusator urserit . . .
i) Vgl. Norden, Kunstprosa 603, der den Asianismus richtig erkennt
und einzelne Schilderungen aus Varros saturae Menippeae mit Glück
vergleicht (so S. 199; vgl. jetzt auch Gercke-Norden , Einleitung in die
Altertumswissenschaft I 520. 579). Zu der Fronto-Stelle bemerke ich,
daß sie nicht nur Dichter anführen will, sondern allgemein die Schrift-
steller, und daß sie für jede Art der Nachahmung, Poesie wie Prosa,
Geltung haben soll.
2) Die Deutungsversuche siehe bei Rohde, Kl. Schriften II 28 ff.
Lucas Philologus 66, 16 ff. und vor allem Leo Hermes 40, 605, von
dem ich nur in einer Kleinigkeit der Interpunktion abweiche.
3) Auch in cap. 4 stellt Theomnestos diese seine Traiöid der cuoubrj
des Lykinos gegenüber.
4) Sueton Aug. 78.
MÜNDLICHER STIL
51
neque ipse absens apud praesepium scire neque advos, quae ignoravi,
possum enunttare, sed quae plane comperi, ad istas litteras pro-
feram.^) — X i8 sed prius est, ut vobts, quod initio facere
debueram, vel nunc saltem referam, quis iste vel unde fuerit. —
X 2 iam ergo, ledor opiime, scito te tragoediam, non fabulam legere
ei a socco ad cotumum ascendere. — IX 30 sed forsitan, ledor
scrupulosus, reprehendens narratum meum sie argumentaberis : ^unde
autem tu, astutule asine, intra terminos pistrini contentus, quid se-
creto, ut adfirmas, mulieres gesserint, scire potuisti?^ accipe igiiur
quemadmodum homo curiosus iwnenti faciem sustinens cuncta . . .
cognovi. Am nächsten kommt den oben zitierten Eingangsworten
wohl die Einführung einer Einlage IX 1 4 fabulam denique bo-
nani prae ceteris, suavein, comptam ad auris vestras adferre decrevi,
et en occipio. Ähnlich führt der fabulator seine Plaudereien ein,
vgl. Plinius ep. II 20 assem para et accipe auream fabulavi^
In den Eingangsworten zerlegt Apuleius die übliche Ver-
heißung d&B fabulator geziert in zwei Glieder: sermone isto Mi-
lesio varias fabulas conseram und aures lepido susurro permulceam.
Den Stoflf bezeichnet das Wort /abulae^), also kann — darin
1) Vgl. X 2 post dies plusculos ibidem dissignatum scelestum ac ne-
fartutn facinus memini, sed ut vos etiani legatis, ad librum
profero.
2) Vgl. VI i<^ sie . . . narrabat anicula; sed astans ego non procul
dolebam mehercules, quod pugillares et stilum non habebam, qui tarn
bellam fabellam praenotarem. Die Betonung, welche Freude der Er-
zähler hatte, als er das Geschichtchen zuerst hörte, paßt zum Stil dieser
Literaturgattung. Sie scheint nach dem Eingang von Pseudolucians "Epiu-
Teq schon bei Aristeides auffallend hervorgetreten zu sein.
3 ) Es sind schlichte öir^YillLtclTa, vgl. Fronto 178 N. nunquam ces-
savit in vesperum usque fabulas nectere itinerum tuorum et disci-
plinae ad priscum morem institutae ac retentae. Minucius Felix 3, 4
oram curvi niolliter litoris iter fabulis fallentibus legebamus. hae
fabulae erant Octavi disserentis de navigatione narratio. Apuleius
Met. IV, 27 (von dem Märchen von Amor und Psyche) narrationibus
lepidis anilibusque fabulis. Der Singular ya^w/a bezeichnet bei Apu-
leius die Einzelgeschichte; der Plural Geschichten oder das Gespräch;
für letzteres kann sermo eintreten, nicht aber für ersteres. Met. I 2 ist
impertite sermonis erklärt durch das vorausgehende dum ausculto, quid
52
SERMO UND FABULA
stimme ich mit Lucas ganz überein — in den Worten ser-
vione isto Milesio nur eine Stilbezeichnung enthalten sein, und
% sie muß, wie Leo hervorhebt, den Worten lepido susurro ent-
sprechen. Dabei ist sermo der leichte Unterhaltungston, der
Plauderton, im Gegensatz zur contentio. Rohde irrt, wenn er
sernione isto Milesio im Grunde mit varias verbindet und folgert,
der Stil der Milesiae liege in dem Zusammenfügen verschie-
dener Geschichten, Lucas freilich noch mehr, wenn er deutet:
Geschichten mannigfacher Art, die mir in Gesprächen erzählt
sind, wie das in den Milesiae üblich ist. Mindestens den Plu-
ral sermonihus müßten wir dann erwarten, und sermo heißt nie
die Erzählung. Die Worte sermone und susurro beziehen sich
auf das Verhältnis zwischen Autor und Leser, nicht zwischen
Autor und Quelle, und bezeichnen in ihrer Verbindung hier
den mündlichen Stil der Milesia, der bekannt ist und daher
von dem Leser gleich in der ersten Anrede wieder erkannt
wird {isto). Der Angabe des Stoffes und der Stilart folgt dann
in dem zweiten Halbsatz der Titel und die Erregung der Er-
wartung: ut mireris. Der feste Stil der fahula verlangt dann
weiter eine Angabe über die Person des Erzählers (vgl. 1 5
exordiar . . . sed ut prius noritis, cuiatis sim e. q. J.). Buch und
Autor bilden dabei eine Person; der Bildungsgang des Autors
ist der des Buches, die Ahnen des Buches sind die des Au-
tors. Um die Einzelheiten voll zu würdigen, müßten wir die
Vorbilder kennen; eine wirkliche Bezeichnung des Schrift-
stellers erwartete der antike Leser im Eingang derartiger künst-
licher Nachbildungen volkstümlicher Unterhaltung offenbar nicht.
sermonis agitarent; es heißt Unterhaltung; Met. IX 16 wird die Rede
eines alten Weibleins mit Ethopoiie wiedergegeben: denique die qua-
dam tinnulae illius aniculae sermo talis meas adfertur auris ; daß sich
in die Rede eine Erzählung einfügt, ist für den Wortgebrauch
gleichgültig. Die Stelle ist ähnlich zu beurteilen wie Fronto p. 70 N.
deinde cum matercula m.ea supra torum sedente multum garrivi;
meus sermo hie erat: quid existimas meum Frontonem. facere . . .
dum ea fahulamur. Daß sermone isto Milesio heißen könnte 'in der
folgenden milesischen Erzählung', würde ich bestreiten, selbst wenn es
nicht durch lepido susurro aufgenommen würde.
VERWEIS AUF SISENNA 53
Ich ziehe den Schluß: Milesius sermo als Stilbezeichnung und
Milesia {fabuld) als Gattungsbezeichnung sind dem Publikum
des Apuleius bekannte Begriffe; aber diese Begriffe schließen
nur indirekt an Aristeides. Das sagt der Autor mit dürren
Worten IV 32: sed Apollo, quamquam Graecus et lonicus propter
Milesiae conditorem sie latina sorte respondit. Da Lucas die
Stelle als ganz unverständlich aus der Erörterung über die mi-
lesischen Erzählungen ausscheidet, muß ich näher auf sie ein-
gehen. Was Milesia heißt, dürfte schon nach Stellen wie Capi-
tolinus vit. Albini 12,12 maior fuit dolor, quod illum pro lii terato
laudanduin plerique duxistis, cum ille iiaeniis quibusdam anilibus (vgl.
Apuleius IV 27 anilibus que fabulis) occupatus inter Milesias Ptini-
cas Apulei sui et ludicra litteraria consenesceret und ll,8 Milesias
nonnulli eiusdevi esse dicunt, quarum fama non ignobilis habetur,
quamvis mediocriter scriptae sint wirklich nicht mehr in Zweifel
gezogen werden. Das Wort conditor könnte hier ebensowohl
einfach den Verfasser einer solchen Erzählung wie den Be-
gründer der ganzen Gattung bezeichnen, vgl. Thesaurus, 1. lat.
IV 146. Auf letzteres weist m. E. zwingend der Singular Mi"
lesia. Ersteres nimmt freilich Rohde an und traut dem Apu-
leius die Geschmacklosigkeit zu, hier zu sagen, nur seinethalb,
um es ihm bequem zu machen, habe Apollo gleich Latein ge-
sprochen; die Milesia sei eben die Erzählung von Amor und
Psyche. Leichter, sachlich und sprachlich, scheint mir die
andere Deutung: Milesiae conditor ist für den Römer Sisenna;
seinetwegen, um ihn einst zu inspirieren, hat Apollo selbst
Latein gelernt und verwendet es jetzt ihm zu Ehren. Schein-
bar soll nur erklärt werden, daß das Orakel wörtlich und doch
lateinisch mitgeteilt wird — ähnlich wie das Orakel in dem
Volksbuche des JuHus Valerius. Daß Sisenna in seine Über-
setzung des Aristeides lateinische Verse einlegte, vermutete
schon Bücheier nach fr. i. Freihch wissen wir nicht sicher, ob
die wenigen Worte einem Seherspruch — etwa wie der in Lu-
cians Alexandros c. 50 erwähnte — entstammen. Jedenfalls
nahm Apuleius den leichten Fall, daß ein Orakel anzuführen
war, zum Anlaß, in scheinbarer Entschuldigung auf seine Stil-
54
VERWEIS AUF SISENNA
stische Hauptquelle zu verweisen. Vielleicht darf man hinter
dem leichten Scherz noch etwas mehr Absicht suchen. Apu-
leius hat soeben betont, daß gerade der Apollo von Milet
das Orakel gibt; dennoch wiederholt er sofort nachdrücklich
quamquam Graecus et lontcus}) Wenn der griechische Dichter-
gott nachträglich Latein lernt — übrigens genau, wie Apu-
leius selbst es getan hat — , so erkennt er doch wohl die la-
teinische Dichtung als gleichberechtigt an, und wenn der io-
nische Gott Sisenna zu Ehren diese Sprache spricht, so soll
er damit vielleicht ausdrücken, daß die NujviKOi XÖYOi, wie
sie Aristeides bot, durch Sisenna zu einer besonderen Litera-
turgattung geworden sind. Denn eine eigene Literaturgattung
hat der Römer in der Tat für sein Volk geschaffen, nicht ganz
so Aristeides für das seine. Hierauf deuten, wie ich glaube,
auch die seltsamen Worte der Einleitung, in denen jene fiktive
Persönlichkeit, die halb Apuleius selbst und halb das Buch ist,
auseinandersetzt, daß Griechisch ihre Muttersprache sei und
sie erst in Rom Latein gelernt habe, um dann fortzufahren iam
haec equidem ipsa vocis immutatio desultoriae scientiae stilo,
quem accessimus , respondet. fabulam graecanicam incipimus. lector,
intende: laetaberis. Das heißt wohl mehr als nur 'ich übersetze
eine griechische Erzählung ins Latein' {Rohde, Kleine Schrif-
ten II 59 A. 2), und schwerlich will Apuleius sein Wissen als
eine desultoria scientia bezeichnen, weil er von einem Stoff in
den andern überspringt, wie dies Leo (Hermes 40, 605),
wenn ich ihn richtig verstehe, anzunehmen scheint. Achtet
man auf die Verbindung desultoriae scientiae stilo, so wird man
desultoria scientia von dem literarischen Vorbild verstehen, sei
es nun, daß Sisenna sich einer solchen deshalb gerühmt hatte,
weil er beide Sprachen schriftstellerisch gleich beherrschte (vgl.
Plutarch LucuUus c. i ; daß Sisenna und Hortensius mitgelost
haben, zeigen ihre Werke), sei es daß er damit hervorheben
i) Was Lucas gewinnen will, wenn er die letzten beiden Worte streicht,
sehe ich nicht. Die Schwierigkeiten bleiben für seine Erklärung genau
so groß.
APULEIUS UND SISENNA 55
wollte, daß er von seinen historiae zu den fabulae und von
diesen zu jenen überging.^) Was Sisenna bot, erschien dem
Apuleius als fabulae graecanicae, d. h. schwerlich als bloße Über-
setzung aus dem Griechischen, sondern als eine freiere Misch-
bildung; sie stilistisch nachzuahmen glaubte er sich durch den
eigenen Entwicklungsgang besonders befähigt. Mag man in
der Deutung unsrer Stelle über unsichere Vermutungen nicht
herauskommen, die Beziehung der Worte Milesiae conditor auf
Sisenna scheint mir notwendig.
Lucas freilich wendet ein, daß Apuleius bei dieser Deutung
der Worte quamquam Graecus et lonicus propter Milesiae conditorem
sie Latina sorte respondit ja aus der Rolle fallen und selbst das
Wort ergreifen müsse, während doch eine thessalische alte
Frau das Märchen von Amor und Psyche erzähle. Das ist
unbestreitbar, aber ich sehe nicht, wie man dieser Annahme
überhaupt entgehen kann, mit anderen Worten: ich sehe nichts
in dem ganzen Märchen, was im Tone jener Alten und nicht
vielmehr im eigenen Ton des Erzählers, oder besser des Apu-
leius gegeben wäre. Ich brauche auf die Latinismen' in dem
Märchen {dei conscripti Musarum albo VI 23) oder die Nach-
bildungen alexandrinischer Poesie nur hinzuweisen. Grade
hierin finde ich den Ton der Milesia.
Sollen diese Ausführungen überzeugen, so müssen sich zwi-
schen dem Stil des Apuleius und dem Sisennas wenigstens all-
gemeine Übereinstimmungen nachweisen lassen. Freilich sind
aus den Milesiae nur zehn kurze Bruchstücke erhalten, von
denen man nicht zuviel Aufschluß erwarten darf.
I. node vagatrix (Hexameterschluß?): vgl. Apuleius IV t^o per
alienas domos nocte discurrens (III 3 nocte); zum Gebrauch des
i) Hat Sisenna den Ausdruck von sich gebraucht, so wird Varro in
der Satire Desultorius uepl TOÖ Yp(i9€iv auf ihn Bezug genommen haben.
Das würde zu der ersten Erklärung des Ausdruckes desultoria scientia
vielleicht noch besser passen.
56 ÜBEREINSTIMMUNGEN MIT DEN MILESIAE
Verbalsubstantivs vgl. z. B. I 1 2 consiliator, III 1 9 spretor, VIII 2 1
accessitor.
2. te istuc hesterno \ q\ hesisse oporiuerat, arisiae {artstea?): vgl.
Ap. II II, VI 31, VII 26 crastino und III 3 in hodiernum.
3. eamus ad ipsum. atque ipse commode de parte superiore de-
scendehat (commode begegnet bei Ap. nur einmal in der Bedeu-
tung 'bequem', sonst commodum).
4. quid nunc ostium scalpis, quid tergiversaris nee hene naviter is
(wohl von einem Tiere gesagt, das, statt rüstig zu laufen, sich
hin und herdreht und an der Stalltür scheuert). Scahere und
scalpere wechseln in dieser Bedeutung, vgl. Ausonius Techno-
pägn. 4 (p. 27,4 Seh.) mutuum muH scalpant (scabant codd. Z,),
Apul. VI 2 8 scauendi dorsi mei simulatione (so F ^, scalpendi F ^, vgl.
Plinius n. h. IX 147, XXVIII 57), vgl. X 10 capitis partem scal-
pere, VI 9 ascalpens aurem dexteram (VIII 2"^. Zu naviter vgl.
z. B. X 24, II 6, IV 12, VI I. 10. 16. 21. 27, VII II, XI 21, zu
der Verbindung hene naviter z. B. I 12 hene quietus, zu dem
Gebrauch von ostium (Stalltüre) I 1 5 ianitor pone stahuli ostium
humi cuhitans, zu dem rhetorischen Bau Stellen wie IV 34 quid
infelicem senectam fletu diutino cruciatis, quid spiritum vestrum . . .
fatigatis?
5. ohviam venit: vgl. z. B. Ap, VIII 30 ohviam procurrit.
6. confestim secuta est {confestim gehört zu den Lieblingsworten
des Ap.).
7. nisi comminus excidisset ^quxinti dantur?^ — ^tanti^ inquit
Olumpias; siviul hoc dicens suavium dedit: vgl. Ap. l 24 quanti
parasti?
8. proin dato aliquid, quod domi habehis, quod tihi non magno sta-
hlt', vgl. Ap. IX 3 1 magno comparavlt.
9. quae (?) iudicium false factum.
10. \ ut cum penltus utero suo recepit {penitus gehört zu den
Lieblingsworten des Apuleius; über die Deutung des Frag-
ments später).
Die historiae des Sisenna mag Apuleius nicht gelesen haben;
trotz des verschiedenen Stoffes werden sie bei Sisenna, der ja
im Wortgebrauch pedantisch einer bestimmten Theorie folgte,
ÜBEREINSTIMMUNGEN MIT DEN HISTORIAE 57
mancherlei Berührungen mit den Milesiae gehabt haben. Ich
hebe besonders hervor, was einem archaistischen Grammatiker
aus der Zeit des Apuleius vor allem ins Auge fiel. Gellius XII 1 5
erwähnt: cum lectitarevius historiam Sisennae adsidue huiuscemodi
figurae adverhia in oratione eins animadvertimus, cuius modi sunt haec :
cursim, properatim , celatini , vellicatim , saltuatim. Die Fragmente
bestätigen die Beobachtung durchaus und fügen hinzu: certü"
Hm, manipulatim, praefestinatim , festinatim , vicatim, dubitatim , eni-
xim, endlich präpositioneil gebraucht (fr. 3) iuxtim Numicium
ßumen. Bei Apuleius ist die Vorliebe für derartige Formen all-
bekannt; ich hebe nur beispielsweise heraus: acervatim IV 8,
VI 10, aggeratim IV 8, agviinatim IV 8. 20, angulatim III 2, IX 41,
bacchatim I 13, caesim II 15, Vi, certatim II 28, IV 13. 2 1, V 4,
VI 8, VIII 28, XI 16, cossim III l, cuneatim VIII 15, discretim VI l,
efflidim I 8, III 16, V 6. 21 (efflide V 2^), fartim II 7, III 3, fis-
tulatim IV T„ frustatün II 7, IX 37. 40, gradatim X 18, granatim
VI 10, gregatim VII 1 1, IX 27, guttatim III 3, XI 9, iundim II 32,
ladniatim VIII i 5, membratim VI 26, VII 26, IX 2, minutatim IV 2 2,
nomtnattm Yll 7, VIII 21, ostiati7nll 2, III 3, pressim II 30, pullu"
latim II 16, V 20, raptim VIII 17, IX 1. 20, XI 26, separatim
VI 10, sessim II 17, singülaiim VII 28, stridim VII 28, ubertim
III I, V 5, VIII 19.
Es kommt zunächst nicht darauf an, welche dieser Formen
auch in volkstümlichem Gebrauch oder bei archaischen und
archaisierenden Autoren vorkommen: man muß Stellen wie II 7
viscum fartim condsum et pulpam frustratim consedavi oder III i
grabaitum cossim insidens ubertim flebam oder IV 8 estur ac pota~
tur incondite pulmentis acervatim, panibtis aggeratim, poculis agmi-
natim ingestis oder VIII 1 5 non ladniatim dispersa, sed cuneatim sti^
pato mit einzelnen Beispielen Sisennas, wie das von Gellius her-
vorgehobene fr. 127 vellicatim aut saltuatim scribendo, vergleichen,
um die Nachahmung zu empfinden. Wichtig scheint mir auch
n 13 iuxtim se ut adsidat effecit (Sis. fr. 3 iuxtim Numicium ßu-
meii), wenig entscheidend, daß Sisenna fr. iio enixim, Apuleius
116 enixe gebraucht; er schwankt ja auch selbst zwischen efflic-
Hm und efflide.
58 ÜBEREINSTIMMUNGEN MIT DEN HISTORIAE
^ Die zweite Bemerkung über Sisenna knüpft Gellius (XI 15)
an fr. ^^ populabundus agros ad oppidum pervenit. Wir ersehen aus
ihm, daß die durchaus nicht seltene Bildung seinen Zeitgenossen
unverständlich geworden war; der Grammatiker Scaurus, der
errabundus töricht qui errantem agit erklärte, hätte nicht popula-
bundus agros, sondern umt populabundus (adjektivisch) als richtig
gelten lassen. Apuleius gebraucht es als Partizip wie Sisenna
II 5 haec identidem rifnabundus eximie delector, III I carnificem ima-
ginabundus, XI 6 manu7n osculabundus , III 21 sui periclitabunda,
N 2}^ actem periclitabunda (daneben natürlich auch ohne Objekt).
Die Verbindung geziertester Rhetorik und archaistisch-volks-
tümlicher Wörter ließe sich bei der Benutzung dieses Vorbildes
vorzüglich erklären; doch führt die Einzeluntersuchung not-
wendig über den Rahmen dieses Büchleins hinaus. Einzelne
Übereinstimmungen, wie callere mit dem Akkusativ c. Inf. (Si-
senna 44 quem Marci Livi consiliarium fuisse callebant — Apul. I 3
minus . . calles . . ea putari mendacid) oder der Gebrauch von
continari (Sis. 125; Apul. I 24, V 31. VI 18, VII 25, XI 6. 22)
überzeugen ohne weiteres. Auch Wendungen wie Sis. 60 lauro
et arbuto ac multa pinu abundant — Apul. VII 15 furfures
. . incretos ac sordidos multoque lapide salebrosos sind an sich
beweiskräftig. Anderes, wie der Gebrauch von protelare, prae-
stolari, adesus für consu77iptus (Sis. 1 6 frumento adeso — Apul.
VIII 22 carnibus atque ipsis visceribus adesis, homine consumptv),
finis als Femininum, integrare, kann nur in voller Zusammen-
stellung wirken. Aber selbst bei Wendungen, die auch in klas-
sischer Prosa möglich sind, müßte man beobachten, ob sie auch
bei Sisenna wiederkehren, vgl. z. B. Sis. 124 his tum iniecius
. . . scrupulus et quaedam dubitatio — Apul. In iniecto non scru-
pulo, sed lancea. Es handelt sich ja nicht darum, aus derartigen
Stellen ein sonst unbezeugtes Verhältis des Apuleius zu einem
zwei Jahrhunderte älteren Schriftsteller zu erschließen, sondern
eine von ihm selbst bezeugte Abhängigkeit an einzelnen Bei-
spielen zu erläutern und die Einheitlichkeit des Stiles der
Metamorphosen ins Licht zu stellen.
DIE ESELSGESCHICHTE BEI SISENNA
59
3-
Haben sonach Sisenna und Apuleius ähnliche Stoffe und
einen ähnlichen Stil, so gewinnt eine Übereinstimmung, die
mir vor langen Jahren auffiel, vielleicht Bedeutung. Charisius
zitiert aus dem XIII. Buch des Sisenna p. 22^, 14 u/ero pro in
uterum: Sisenna Milesiarum XIII: -J- ut cum penitus utero suo
recepit. Man vergleiche hiermit den Bericht des letzten Aben-
teuers des zum Esel verwandelten Lucius bei Pseudolucian 5 1
TTepißdXXcTai )Lie xai dpaca eicuü öXov TrapeöeEaTO und Apu-
leius ^22 artissime namque complexa ioium me, sed prorsus (pror-
sus sed FJ totum. recepit. Leider sind die ersten Buchstaben des
Fragments verdorben; statt ut eum, was man gewöhnlich her-
stellt, dürfte man vielleicht totum schreiben; aber auch ohne
diese Änderung ist die Übereinstimmung frappant.
Daß noch ein zweites Fragment des Sisenna (oben fr. 4) zwar
nicht bestimmten Worten des Apuleius entspricht, aber in die
Erzählung von dem Esel, der oft genug nicht vorwärts will,
trefflich passen würde, habe ich oben gezeigt. Das Bild des
Esels, der aus dem Stalle gezogen sich dreht und wendet und,
um den Reiter nicht aufsitzen zu lassen, mit dem Rücken sich
an die Türe drängt, ist wenigstens mir auf früheren Reisen
ähnlich entgegengetreten. Charisius (207, 3) entnahm das Frag-
ment demselben dreizehnten Buch, also wahrscheinlich der-
selben Erzählung.
Sisenna übersetzt nur den Aristeides. Wenn ein Fragment
aus letzterem sich ungezwungen in der Eselsgeschichte unter-
bringen läßt, wird dies als Bestätigung der Vermutung gelten
dürfen. Das einzige Aristeides-Fragment findet sich bekannt-
lich bei Harpokration p. 54, 25 B.; es entstammt dem sechsten
Buch: AepfiricTri?' Aucia? ev Ttu rrpö^ EuTrei8r|V. Aibujaoq |aev
dTTobibuuci TÖv CKuiXriKa outuu XeTecöai tuj CocpoKXeT ev Ni-
ößr), ev t' TTic diTopouiLievTi? XeHeiu«;, 'Apiciapxoc be tö Zo-
cpÖKXeiGV eHr|YoO)aevo? töv oqpiv dTTebuuKe. — |Lir|TTOT€ be \id.\-
Xov av eiri öctk; id bepiuaia ecGiei b€p|Lir|CTr|<;, ibquTTOCTmai-
V€Tai Ktti dv »' MiXricmKUJv 'Apicieibou. Wir müssen, ehe wir
das interpretieren, zunächst eine Hesychglosse erklären, die
6o DIE ESELSGESCHICHTE BEI ARISTEIDES
Schmidt richtig hiermit verbindet, aber falsch behandelt: Aep-
)nicTr|?. 6 CKuuXriH r\ ockuc (so cod.) ö rd bepinaTa ecGioüv. 'Api-
ciapxo«; öqpiv.^) Für ri 6cku(; vermutete Palmer entweder f\ 6
cr|C oder f| 6 Ki^, und ersteres nimmt Schmidt ohne weiteres in
den Text, ohne den zweiten Vorschlag auch nur zu erwähnen.
Aber die Motte gehört hier nicht her, weil sie nur die Pelzhaare,
nicht die Häute frißt; die zweite Konjektur Palmers könnte
richtig sein, aber auch sie stellt nur die Hand des Interpola-
tors her, der, vielleicht aus einem Cyrillglossar, r| ö Ki<; ein-
fügte. Zu verbinden ist, wie die Parallelstellen zeigen, 6 ckoü-
Xr|H 6 TCt bepiLiaia ec9iuuv. Gehen wir zu Harpokration zurück,
so ist zu einer älteren Deutung, es sei eine Wurmart (Made)
und der Aristarchs, es sei die Schlange, von Didymos (oder
von Harpokration?) die neue Behauptung zugefügt, es sei über-
haupt nur die Bezeichnung irgendeines die Haut durchfres-
senden Tieres, wie dies auch Aristeides andeute.
Sehen wir jetzt auf die Erzählung von dem zum Esel ver-
zauberten Jüngling zurück. Bei Apuleius VI 31 schlägt ein
Räuber vor, den Esel zu töten, die gefangene Jungfrau nackt
in seinen Leib einzunähen und beide so dem Sonnenbrand
auszusetzen; sie enivi cuncia, quae rede statuistis, amho sustinebuni,
et mortem asinus, quam pridem vieruit, et illa morsus ferarum.
i) Die weitere glossographische Überlieferung ist leicht zu über-
schauen. Den Wortlaut der Epitome des Harpokration bietet Etymol.
gen. Aep|LiTiCTri<;" Auciaq \i.b) töv ckuiXtikcx {priciv oötujc; XeYccöai, 'Api-
CTopxoq ht TÖV öqpiv. eiri 6' äv juöWov ö ra öepiuara fec0iu)v ^tu)liiü-
Tepov oÖTUU Ka\oü)LievoQ. Der "Verfasser fügt hinzu: ouTiuc; eupov ei^
TÖ ^riTopiKÖv XeEiKÖv koI ^v äWoic; xi^v ^TUjuoXoYiav irapA tö 4'6uu
kt\. Exzerpte hieraus bieten Etymol. magn. und Zonaras, die Fassung
der Epitome allein Suidas. Einer zweiten Stelle des Sophokles ist eine
Parallelglosse entnommen, die Photios und das Seguerianum bei Bach-
mann Anekd. I 361,9 (abgekürzt auch Hesych) erhalten haben: CoKO-
bepiLiiCTriq' CoqpoKXfit; TpiuiXuj* oi \i.hi röv öqpiv, oi bä töv ckiüXtiko töv
Td b^piuoTa &iec9(ovTa (Aristarch dachte an die auf den Schild an-
gebrachten Schlangen). Durch eine Kontamination erklärt sich die bei
Bekker An. gr. 240, 14 erhaltene Fassung der ersten Glosse: Aep^T]-
CTri«;' ol \iiv (paciv elboc, ckiüXtikoc;, 8 Kaxecöiei Tct blpfxara, 'ApiCTop-
Xo(; bi öqpeujq elboc;.
DIE ESELSGESCHICHTE BEI ARISTEIDES 6l
cum vermes menibra laniahunt, et ignis flagrantiam , cum sol
nimiis caloribus inflammarit uteruvi, et patibuli cruciatum, cum canes
et vultures intima protrahent viscera. sed et ceteras eius aerumnas
et tormenta numerate: mortuae hestiae ipsa vivens ventrem habitahit,
tum faetore nimio nares ^cruciante^ aestu et inediae diutinae letali
fame tabescet nee suis saltem liberis manibus mortem sibi fabricare
potent. Anders ordnet der Verfasser des AouKio^ x\ övo(; 2 5 die
Gedankenfolge: cKOTreiTe be, iJu cpiXci, xfi^ ßacdvou tö beivöv,
TTpOüTOv juev TÖ veKpuj öviv cuvoiKeTv, eiia tö Gepou^ ujpct 9ep-
luoTdTUj fiXiuj ev KTrivei Ka9eij;eTc0ai Kai \i|uuj dei ktcivovti
dTToGvricKeiv Kai i^rib' eauTr^v dTroTivTHai e'xeiv. Td |uev ydp dXX'
öca TreiceTai cr|TTO|uievou toö övou Trj Te öb|ufii Kai ToTq ckUü-
\x\i\ TTeq)up|aevTi eo) XeYeiv. TeXoig be 01 Y^^e? öid toO övou
TTapeiciövTe(; eicuj Kai TauTriv ib? eKeivov icoiq Kai JÜujcav eTi
biacTrdcovTai. Dem Gesamtstil des Schriftchens entspricht der
schlichte Ausdruck Tfj hh\3iX\ Kai ToTq CKiüXriHi. Apuleius muß
einen gezierteren direkt oder indirekt vor sich gehabt haben,
den er seltsam genug durch morsus ferarum, cum vermes membra
laniabunt wiedergibt. Die 'wilden Tiere', Geier und Hunde, sind
erst später erwähnt; hier soll zunächst dem einfachen Tode des
Esels offenbar der 0Tipößopoc Gdvaxoc^ des Mädchens (vgl.
Manetho IV 614) entgegengestellt werden; seine Vollstrecker
sind die Würmer, welche die Haut durchnagen; man möchte
für das Original eine Fassung wie 9r|pößopov GdvaTOV iittö
bep|Lir|CTUJV KaxecGioiLievri ireiceTai vermuten. Zu einer solchen
Fassung würde gut passen, daß bei Aristeides nach Harpo-
kration nur ganz allgemein auf Tiere, welche die Haut durch-
fressen, hingewiesen war.
Ich kann die seltsame Tatsache, daß sich von elf kurzen
Fragmenten des Sisenna und Aristeides drei so wunderbar gut
in die Erzählung des Esels einfügen, nicht dem Zufall zu-
schreiben, wohl aber der früheren Vermutung vielleicht auf
Grund fremder Beobachtung eine neue Stütze geben. Wend-
land hat soeben in dem Göttinger Programm De fabellis anti-
quis earumque ad Christianos propagatione (191 1) auf eine Er-
zählung über den Tod des Komikers Philemon hingewiesen,
Reitzenstein: Amor und Psyche. C
62 DIE ESELSGESGHICHTE ALLGEMEIN BEKANNT
die sich bis in vorchristliche Zeit verfolgen läßt, wenn sie auch
rein literarische Erfindung ist. Die für den greisen Komiker
zum Mahl hingestellten Feigen frißt ein Esel; Philemon be-
fiehlt, dem Tier nun auch noch einen Becher Wein zu bringen,
und muß über den eigenen 'Witz' so lachen, daß er sich 'zu
Tode lacht'. Wendland vergleicht das Geschichtchen bei Apu-
leius X 13 — 16 und Pseudolucian 46. 47: der Esel vertilgt eine
volle Mahlzeit, Fleisch und Fisch, Brot und Feingebäck, und
schlürft schUeßlich eine vorgesetzte Schale Wein, worüber sein
Herr unbändig lachen muß. Eine Ähnlichkeit ist wohl vor-
handen, nur weiß ich nicht, ob sie an sich schon zwingt, lite-
rarische Abhängigkeit anzunehmen. Denn daß ein Esel sich
im Hunger einmal an einen Teller frischer Feigen macht oder
sie wenigstens beschnobert, ist kaum derartig wunderbar, daß
der Erfinder das Märchen zum Vorbild genommen haben
muß. Erst wenn eine literarische Behandlung des Eselsmärchens
sich aus anderen Gründen schon in frühhellenistischer Zeit
wahrscheinlich machen läßt, darf man die Anekdote vielleicht
zum Beweis mit heranziehen und sagen: die Erzählung von
Philemon erhält überhaupt erst eine gewisse Pointe, wenn der
Anblick des Feigen schmausenden Esels ihn an jene drollige
Geschichte erinnert und diese Erinnerung den Befehl, nun
auch Wein zu holen, veranlaßt haben soll. Das Komische liegt
in dem Vergleich des alten Märchens mit dem an sich harm-
losen Vorfall.
4-
Das Werk des Aristeides, das damit für uns greifbarere Ge-
stalt gewonnen hat oder doch gewinnen kann, verlangt selbst
noch ein Wort. Lucas sucht zu erweisen, daß eine Rahmen-
erzählung die einzelnen Geschichten zusammenhielt, und läßt
uns die Wahl, an ein Gelage zu denken, bei dem der Sym-
posiarch den Teilnehmern aufgab, nach der Reihe Geschichten
zu erzählen, oder sie uns als Aufzeichnungen einer fortlaufenden
Unterhaltung im Gymnasium (oder ähnlich) zu denken. Meines
Erachtens beruht diese ganze Annahme auf einer falschen Inter-
OVID ÜBER ARISTEIDES 63
pretation der wenigen Angaben über die MiXiiCiaKOt. Die be-
rühmte Ovidstelle Trist. 11 4 1 3 lunxit Aristides Milesia crimina
secum, Pulsus Aristides nee tarnen urbe sua est möchte Lucas über-
setzen: Aristeides verband schlüpfrige milesische Novellen zu
einer künstlerischen Einheit (durch die Rahmenerzählung).
Aber indem so die künstlerische Anordnung des Stoffes zum
Hauptinhalt des Hexameters gemacht vf'ixd, verliert der Penta-
meter jeden Anschluß; der Ton wird von den Worten Milesia
crimina, auf die es allein ankommen darf, abgeleitet und die
Rhetorik, auf die bei der Erklärung Ovids alles ankommt,
verdorben. Unendlich besser ist die alte Deutung: die crimina,
d. h. in dieser Verbindung: nicht eines, sondern viele, oder
vielmehr alle crimina seiner Heimat Milet stellte Aristeides zu-
sammen, und doch haben die Milesier ihn nicht verbannt.
Wem sie aus einem mir unerfindbaren Grunde nicht genügt,
könnte eher an Statins Silv. I 5, 10 iunge, puer, cyathos und die
von Vollmer hierzu angeführten Stellen denken; gewiß wäre
secum dabei nicht nötig, aber doch auch nicht störend; als
Sinn ergäbe sich: unermüdlich ließ A. in seinen Schriften ein
crimen Mileti auf das andere folgen. Nicht mehr als multa cri'
mina retulit oder assidue crimina retulit dürfen wir in dem Satze
suchen. Jede Bemerkung über die Kompositionsart verdirbt
das Ganze. Wie wir uns diese Milesia crimina denken sollen,
zeigt am niedlichsten eine Stelle Ovids, die zugleich den rö-
mischen 'Y\\.€i. fahulae erklärt (Ars II 627 ff.): Scilicet excuties opi-
nis ubiquaque puellas, Cuilibet ut dicas ^haec quoque nostra fuit^ ?
Ne desint, quas tu digitis ostendere possis, Ut quamque adtigeris, fa-
bula turpis erit? Parva queror: fingunt quidam, quae vera negarent.
Et nulli non se concubuisse ferunt, Corpora si nequeunt, quae possunt,
nomina tangunt, Famaque non tacto corpore crimen habet. Daß eine
entsprechende Erzählung bei Aristeides wirklich vorkam, ist
bekannt.
Es steht ähnlich mit der zweiten Angabe über Sisenna und
Aristeides in den Tristia II 443 : Vertit Aristidem Sisenna nee ob-
fuit Uli Historiae turpis inseruisse ioeos. Hier soll historia die
Rahmenerzählung, turpes loci (vgl. Ars 11 6 ^o /abula turpis) die
5*
64
OVID UND PSEUDOLUCIAN ÜBER ARISTEIDES
Einzelnovellen bedeuten. Wieder wird dadurch eine Angabc
über die Komposition hereingeklügelt, die für Ovid nicht nur
gleichgültig, sondern sogar schädlich ist. Durch nichts femer
ist irgendwie bewiesen oder beweisbar, daß Ovid mit historia
jenes bescheidene Gefüge der Rahmenerzählung meinen konnte,
zumal wenn er dies Wort durch den Gegensatz zu turpes ioci
hebt. Völlig vernachlässigt ist endlich der Zusammenhang.
Ovid will beweisen, daß auch die Römer neben ernsten Schöp-
fungen wie der des Ennius und Lukrez leichte, ja frivole Dich-
tung kennen. Er nennt eine Reihe erotischer Dichter, um dann
zuzufügen: Is quoque Phasiacas Argo qui duxit in undas, Non po-
tuit Veneris furta tacere suae (vgl. Properz II 34, 85 haec quoque
perfecto ludebat las otie Varro, Varro Leucadiae viaxima flamma suae).
Bei Varro stehen neben dem Epos die lasziven Gedichte, Hor-
tensius und Servius dichten zwischen ihrem ernsten Schaffen
Ähnliches. Es folgt die Angabe über Sisenna, dann spielt sich
Ovid durch die Erwähnung des Gallus, der ja neben dem sub-
jektiven LiebesHed auch Epyllien dichtete, auf Tibull über,
der zur Verteidigung der Ars am geeignetsten schien. Die Verse
439 — 44 bilden eine kleine Einheit für sich, innerhalb deren
die Angabe über Sisenna nur verstanden werden kann, wie
Rohde sie versteht und wie sie zu allen Zeiten verstanden
scheint: zwischen das langsam erscheinende Riesenwerk der
historiae oder historia schoben sich bei Sisenna die leichtfertigen
Übersetzungen aus Aristeides, die turpes ioci. Nur letzterer Aus-
druck entspricht dem schwer betonten Namen vertit Aristidem;
die historia steht auf einer Stufe mit Varros Argonautika.
Den positiven Beweis gegen Lucas bietet der berühmte Ein-
gang der "Epu)Te(; Pseudolucians, der mir überhaupt bisher
nicht genug ausgebeutet scheint: epujTiKfiq iraibiä?, eiaipe
jioi 0eöiavricTe, eE ^weivoO ireTrXripiJUKa«; fnuiuv xctKeKiLiTiKÖTa
irpöq xd^ cuvexei? CTtoubd? luia, Kai |lioi ccpöbpa biipuivti
ToiauTri<; dveceuj? euKaipo(; n tüjv iXapujv cou Xöt^jv dp-
puri x^Pi?- acOevrii; y«P n M^uxn bir|veKOug CTTOubfic dvexecOai,
TToeoöci 5' Ol q)iXÖTi|Lioi TTÖvoi |LiiKpd TÜJV eTTaxöuJV qppovTibujv
XaXac9evTe(g ic, fibovd(; dviecBai, irdvu hx\ )Lie uirö töv öpGpov
PSEUDOLUCIAN ÜBER ARISTEIDES 65
f] TÜiJv otKoXdcTuuv cou biTiYTliLiaTUJV ai)LAuXr| Kttl T^UKeia
7Tei6ib KQTeijqppaTKev^), ujct' oXiyou öeTv 'Apicreibricg evö-
}i\low eivai ToTi; Mi\riciaKoT<; Xötoi«; iiTrepKr|\ou|uevo(;.
Die ersten zwei Sätze geben, wie schon angedeutet, die beste
Erklärung zu der Einleitung des Apuleius, die einen solchen
müden Leser voraussetzt und anspricht. Der Schluß zeigt uns,
daß schon Aristeides seine Freude beim Hören ähnlich her-
vorhebt, wie dies der verwandelte Jüngling bei Apuleius oft
tut. Der Erzähler hat sich bei Pseudolucian als Opfer eines
ihm unbegreiflichen Zorns der Aphrodite hingestellt und der
Reihe nach alle seine Liebesabenteuer berichtet (vgl. cap. 3 bvi]-
TOU|uevou cou töv ttgXuv, wq Kai irap' 'Hciööuj, KaiaXoTov
u)V dpxfiöev iipdcGriq); sein Hörer möchte noch die rrapaXei-
7rö|Lieva erfahren (cap. i), er aber fürchtet durch die Länge des
ganzen Berichtes schon Überdruß erweckt zu haben (cap. 4 ai
|uev e|Liai bir|Tr|cei(; eH duuGivoO irapaTaGeTcai KÖpov e'xouciv).
Das führt an sich sicher nicht zu der Vorstellung eines Sym-
posions, bei dem jeder Gast eine Geschichte vorträgt und die
Rahmenerzählung selbst sich zur Geschichte erweitert. Dagegen
sehe ich nicht, was uns abraten könnte, die ganze Situation,
die hier angedeutet wird, auf Aristeides zu übertragen (vgl.
oben Ovid Ars II 627). Die Geschichte von dem zum Esel ver-
wandelten Jüngling bietet ja ähnlich die lange Erzählung eines
einzigen Berichterstatters, die schon bei Lucius von Patrae
zwei Bücher einnimmt. Etwas weiter führt vielleicht die Erwä-
gung, daß bei Pseudolucian der Zorn der Aphrodite ganz un-
motiviert hereingezogen ist (vgl. den Spott des Hörers dXXd coi
Ktti KaOapciujv xdxa berjcei 7Tpö(g tö bucx€pe(; oütuj vöcr||ua).
War er vielleicht durch das Vorbild selbst gegeben und daher
dem Leser ohne weiteres verständlich? Dann erklärte sich,
wie ich schon andeutete, die äußere Form des wunderlichsten
Werkes der römischen Literatur, der Erzählung Petrons. Ge-
wiß erkennt Heinze (Hermes 34, 494) in ihm mit Recht auch
l) Vgl. bei Apuleius auresque tuas lepido susurro permulceam und
lector, intende: laetaberis.
66 PETRON UND ARISTEIDES
Einwirkungen des Romans: das Liebespaar Enkolpios und
Giton stammen daher. ^) Gewiß wirkt femer die Satura Menip-
pea mit ein und zwar nicht nur auf die äußere Form: Erfin-
dungen wie die Stadt der Erbschleicher bezeugen es. Jene
eigenen Liebesabenteuer des Enkolpios aber, die ihn zunächst
immer siegreich zeigen, bis ihn im entscheidenden Augenblick
der Zorn des Priap trifft, weisen mich auf ein drittes Element,
die belustigende, stark obszöne Erzählung, die, mit den beiden
anderen in gewisser Weise verwandt, ihre Verschmelzung er-
leichterte. Habe ich früher richtig aus Apuleius erschlossen,
daß Sisenna in seine dem griechischen Leben entnommenen
Erzählungen sogar lateinische Gedichte einlegte — und wären
es auch nur Sehersprüche in Versen gewesen — , so gilt das
selbst für die Form.
5.
Ich kehre noch einmal zu dem Vorwort des Apuleius zurück.
Er verheißt in ihm varias fabulas conseram. Da an dem Aus-
druck nicht zu deuteln ist, sucht Lucas ihn wenigstens als Irr-
tum hinzustellen. Das Werk ist ja ein Roman; hierauf wird
alles Gewicht gelegt. Nun gestehe ich gern, daß ich auf das
im Grunde leere Wort genau so wenig Wert lege, wie einst auf
das Wort Aretalogie, das Kritikern so viel Ärgernis bereitet
hat.^) Wichtig ist immer nur, was der Autor erreichen will und
i) Anders M. Rosenblüth, Beiträge zur Quellenkunde von Petrons
Satiren. Kiel 1909 und Geffcken, Neue Jahrbücher f. d. Klass. Alter-
tum XXVII 485 fF. Für mich hat Apuleius selbst mit der Satire so
wenig zu tun, wie Petron mit dem Mimus.
2) Wenigstens an dem Mißverständnis, daß alle dort besprochenen
Erzählungen Aretalogien sein sollen, fühle ich mich unschuldig. Noch
•weniger möchte ich jetzt den Anschein erwecken, als ob ich mit dem
schon an und für sich vieldeutigen Wort fabula, das noch dazu für
lauöoq und \ÖTO(; in den verschiedensten Bedeutungen eintritt, ein zu
allen Zeiten gleichartiges und einheitliches literarisches genus bezeichnen
wollte. Können wir bestimmen, warum Sisenna den Titel wählte und
was er darunter verstand, so werden wir danach beurteilen körmen, was
sein Nachahmer erreichen will; wir werden auch aus der Beliebtheit
ROMAN UND FABULAE 67
welche Technik er verwendet. Wenn ich lese 'es ist zuzugeben,
Apuleius selbst bezeichnet sein Werk als erwachsen durch das
Zusammenfügen von Einzelgeschichten, doch belehrt ein Blick
auf die Metamorphosen, daß der Verfasser einen falschen Be-
griflf von seinem Werke erweckt', so werde ich besorgt, ob der
Kritiker nicht einen falschen, d. h. lediglich modernen Begriff
an es herangetragen hat.
In Wahrheit entspricht das Werk doch der Verheißung. Un-
gefähr die Hälfte des Raumes nehmen die Einlagen ein. Ein
Versuch, sie wirklich in die Haupterzählung zu verweben, ist
ab und an gemacht; doch legt der Schriftsteller offenbar keinen
Wert darauf. Es wäre leicht gewesen, das Märchen von Amor
und Psyche natürlich zu motivieren; die Alte, die es erzählt,
brauchte nur etwas sympathischer geschildert zu werden, die
Vergleichspunkte im Lose Psyches und des gefangenen Mäd-
chens ein wenig hervorgehoben zu werden, dann fügte sich das
Märchen ungezwungen als Trostrede der Alten ein. Freilich
hätte sein Stil dann, wie oben bemerkt, anders werden müssen.
Statt dessen lesen wir zu Anfang eine ganz unvermittelte An-
kündigung, die wieder nur den Leser reizen soll, IV 27 sed
ego te narrationibus lepidis anilibtisque fabulis protinus avocabo und
zum Schluß VI 25 sie captivae puellae delira et temulenta illa nar-
rabat anicula. sed astans ego non procul dolebam mehercules quod
pugillares et stilum non habebam, qui tarn bellam fabellam praeno-
iarem. Wir empfinden, daß hierdurch das Märchen gewisser-
maßen isoliert wird. Ich habe eine Anzahl ähnlicher Beispiele
früher bei der Besprechung des mündlichen Stiles hervorgehoben,
so IX 13. 14 und 15. 16, vgl. IX 30, oder die Einlagen VIII 22;
X 2 ; IX 4. 5. Selbst wo die Fabel unbedingt nötig für die Haupt-
erzählung ist, wird sie durch eine derartige Ankündigung von
ihr losgerissen, wie etwa 'S. 2^ eitcs poenae talem cognoveram /a-
bulam, oder noch deutlicher VIII i noctis gallicinio venu quidam
seines Werkes erklären, daß das Wort bei den meisten Dichtem der
augusteischen Zeit so oft und fast technisch gebraucht wird, aber wir
werden theoretische Scheidungen, etwa zwischen Novelle oder Wunder-
erzählung und fabula garnicht versuchen.
68 HISTORIAE
iuvenis e proxwia civiiate, ut quidem mihi videhatur, unus ex famu-
lis Charites, puellae illius, quae mecum aput latrones pures aerum-
nas exanclaverat. is de eins exitio .... mira ac nefanda ignetn
Propter adsidens inter conservorum frequentiam sie annuntiabat. ^equi-
sones opilionesque, etiam busequae, fuit Charite nobis, quae misella
et quidem casu gravissimo nee vero incomitata Manis adivit. sed ut
cuncta noritis, referam vobis a capite, quae gesta sunt quaeque pos-
sent merito doctiores, quibus stilos fortuna subministrat,
in historiae specimen chartis involvere. erat in proxima
civitate e. q. s. Diese ganze Art, beständig den Erzähler und
Schriftsteller hervortreten zu lassen, der die einzelnen Geschich-
ten möglichst voneinander abhebt und immer wieder versichert,
aus dem Schatz seiner Erinnerungen noch eine neue Geschichte
vorholen zu können (vgl. VIII 22), widerspricht vollkommen der
Technik des Romans. Eine bunte Reihe von fabulae, und zwar
längere und kürzere, will Apuleius in der Tat geben. Daß sie
sich dabei in eine fabula graecanica zusammenschließen (vgl.
I I Schluß) ändert nichts an der Technik und dem Gattungs-
begriff. Ihn gilt es noch einmal etwas klarer herauszuarbeiten.
Jene Geschichte vom Ende der Charite könnte, von einem
Schriftsteller in den höheren Stil übertragen, zur historia werden;
sie ist durchaus tragisch empfunden (vgl. den Schluß VIII 15
haec nie longos trahens suspiritus et nonttunquam inlacrimans gra-
viter adfectis rusticis adnuntiabat). Den Begriff historia erläutert
dabei am besten Properz I 15, 19 ff. Hypsipyle nullos post illos
sensit amores, Ut semel Haemonio tabuit hospitio, Alphesiboea suos
ulta est pro coniuge fratres, Sanguinis et cari vincula rupit amor,
Coniugis JSuadne miseros elata per ignes Occidit, Argivae fama pudi-
citiae. Quarum nulla tuos potuit convertere mores. Tu quoque uti fieres
nobilis historia. Eine zweite ähnliche Erzählung X 2 — 12, die
mit den Deklamationen und Gerichtsschilderungen der Romane
verglichen werden und als stilistisches Kunstwerk genossen wer-
den will, leitet Apuleius (X 2) ein: iam ergo, lector optime, scito te
tragoediam, non fabulam legere et a socco ad coturnum ascendere^)
l) Der Vergleich der historia mit der Tragödie und der fabula mit
AESCHINES BRIEF X 69
Freilich weicht er dem höchsten Pathos, das sich notwendig
in den Gerichtsreden entfalten müßte, mit der burlesken Ent-
schuldigung aus, er habe sie an seiner Krippe nicht hören
der Komödie liegt immer nahe. In der lustigen Ilischen Novelle, die
der Verfasser des zehnten Aeschines-Briefes erzählt, um Lachen zu er-
wecken (vgl. den Schluß cu bk Qv iKavuj<;, oT)Liai, feXdceiaq) , sagt Ki-
mon zu seiner Rechtfertigung koI äWuue; ö' ^ÖÖKei |aoi, uüc; pii] iravTci-
iraci Tct ^v 'IXiu) xpoTiKd re koI qpoßepd fj iraGeiv, beiv xi koI i^|aö(;
Kai oiov ^v KU)|aiubiai(; irepi xöv CKd|Liav6pov Ip^dcacGai. Die "Worte,
die O. Weinreich a. a. O. 38 durch ein vi'underliches Versehen sogar
als Zeugnis für Komödien faßt, in denen Skamander eine Rolle spielte,
werden gewöhnlich falsch interpungiert und geändert. Die Taten der
alten Heroen 'am Skamander' sind xpayind xe Kai qpoßepA itaGeiv —
der zu beiden Adjektiven gehörige Infinitiv ist nur des Gegensatzes zu
^pydcacGai halber zugefügt — ; Kümon will an diesem Strom auch
etwas tun, und zwar etwas oTov iv xai<; KUJ|mu6(ai(;. Vergewaltigung
beim Fest ist ja dort häufig vorausgesetzt und über die 'Götterkinder'
spottet Menander (Samia v. 244 ff.) genau wie der Kimon des Briefes.
Nicht nur tragische Ereignisse, die beim Hören Furcht und Mitleid er-
wecken, sondern auch ein Schwank soll in Zukunft zu der örtlichen
Tradition gehören. Von einer Komödie kann nicht die Rede sein, wohl
aber hat an den alten Brauch, den der Brief beschreibt, später eine volks-
tümliche Erzählung geschlossen. Das alte Volksbuch vom Heiligen Georg
(Krumbacher-Ehrhard, Der heilige Georg in der griechischen Überliefe-
rung S. 4, 21) erwähnt CKä|Liav6pov xöv YÖr|xa, xöv yoTixeOovxa xö iröp,
xöv luoixöv xfi<; Aiac, (|uuxöv xfie; Mi)bia(; Ven. vgl. S. 127), t^xk; tf^vvr]ce
xöv 'Apde Kai xöv Zap^6 xoO(; TTovxikouc; iroXeiLii'ixopac;, oixivet; hxä rä
IpYCi aöxOuv Kaxeuovxk0r|cav ^v xiu ireXdTei xfi^ 0aXdccri(;. Die ältere
koptische Fassung (Budge, The Martyrdom and Miracles of S, George
S. 5) lautet in Professor Spiegelbergs Übersetzung: 'Skamandros, der
Zauberer, welcher das Feuer bezaubert hat, der vielen durch die Zau-
bereien wahrsagte, der Ehebrecher der MHTIA, welche (codd. welcher)
CA AP und CAP0AT geboren hat, die kriegerischen OOANI der Stadt
TTONTOC, deren Werke schlecht sind, und sie wurden in die Tiefe des
Meeres versenkt.' Skamander, der auch sonst in dem Buch als großer
Gott der Heiden erscheint, hat eine Orakelstätte; Wunderberichte
schließen an ihn. Aus seinem illegitimen Bunde mit Medea — der
Name scheint mit Sicherheit erkannt — sind zwei Helden entsprossen
deren Taten und Untergang in den Gegenden am Pontos erzählt wurden.
Von Byzanz, wohin Dionysios Skytobrachion die Hochzeit des Jason
und der Medea verlegt, hat eine Lokaltradition sie an den nächsten
Landepunkt der heimkehrenden Argonauten (Diodor IV 49), also nach
yo HISTORIA UND FABULA BEI APULEIUS
können ^) ; in der Detailschilderung verwendet er die Kunst der
rhetorisch ausgebildeten Novelle (vgl. X lo mit Aristainetos
I 1 5) ; der glückliche Ausgang des wunderbaren Geschehnisses
(X 1 2 famosa atque fahulosa fortund) zeigt das Walten der Vor-
sehung und erklärt die Aufnahme in das Buch.
Die beiden Begriffe historia nnd/abu/a verbindet und stellt zu-
gleich in einen gewissen Gegensatz zueinander VI 2g: die Jung-
frau, die sich durch den Esel gerettet glaubt, verheißt ihm reiche
Belohnung; ein Kunstwerk soll seine Tat verherrlichen; visetur
et infahulis audietur doctorumque stilis rudis perpetiiahitur hisio-
ria ^asino vectore virgo regia fugiens capHvitatem.^ accedes anttquis
et ipse miraculis et iam credemus exemplo tuae veritatis et Frixum
arieti supematasse et Arionem delphinuin gubemasse et Europam tauro
supercuhasse. Wieder tritt hervor, daß die historia das literarisch
ausgebildete Werk ist, di&fabula zunächst der mündlichen Mit- .
teilung angehört oder sie nachahmt.^
Zur Einleitung zurück führt uns endlich II 12. Lucius hat
den Chaldäer über den Ausgang seiner Reise befragt: mihi
denique proventutn huius peregrinationis inquirenti multa respondit et
oppido mira et satis varia; nujic enim gloriam satis ßoridam, nunc
historiam magnani et incredundam fabulam et libros me futurwn. Die
Troja, verlegt. Hier unterwirft sich Medea dem in dem Briefe geschil-
derten Brauche; die Kinder, die sie in Wahrheit nicht dem Jason, son-
dern dem Skamander gebiert, kehren dann später in die mütterliche
Heimat zurück.
i) Auch diese Versicherungen der Zuverlässigkeit und Genauigkeit
gehören offenbar damals wie in den modernen volkstümlichen fabulae
zum Stil.
2) Frontos Arion oder einzelne Abschnitte der TToikiXti icTOpia Aeli-
ans brauche ich kaum zu bezeichnen, um das Bild dieser Art historia
zu beleben. Auch Properz, wenn er HI 20, 27 in dem foedus mit iro-
nischem Pathos die Strafe des Treulosen festsetzt: Uli sint quicumque
solent in amore dolores Et caput argutae praebeat historiae, Nee flenti
dominae patefiant nocte fenestrae, Semper avtet, fructu semper amoris
egens scheint mir ein Kapitel {caput) einer solchen Sammlung zu be-
zeichnen, das man nach seinem letzten Verse überschreiben könnte, wie
asino vectore virgo regia fugiens captivitatem. Als belustigende Skan-
dalgeschichte erzählt könnte es freilich auch eine fabula sein.
APULEIUS UND SEINE VORGÄNGER 7 1
Ankündigung kann sich gewiß auf das Buch des Apuleius
allein beziehen. Es ist eine magna historia etwa in dem
Sinne, wie Properz II i, 14 die Worte tum vero longas condimus
Iliadas aufnimmt maxima de nihilo nascilur historia, eine kunst-
volle Erzählung in vielen Bänden (libros) und zugleich ein
aTriCTO<; fiöGo^ oder Xöyo? (incredunda fabula), eine Wunder-
geschichte. Aber ich halte es für durchaus möglich, daß Apu-
leius noch mehr ausdrücken will; auch seine Leser kennen
ja jetzt schon die literarische Vorgeschichte des Stoffes. Es
gibt schon eine Reihe von Werken (libri). Jener Lucius von
Patrae, der in der Parodie als iCTopiujv Kai aWuJV cuttP«-
(peuq eingeführt wird, hatte die Eselsgeschichte in der Tat als
iCTOpia erzählt (vgl. den ironisch gewählten Titel Lucians o!Kx\-
^x\c, iCTOpia), Aristeides und Sisenna, ja wahrscheinlich auch
schon der anonyme Verfasser des AouKiO(; f| ovo«; sie als er-
götzliche yä(5«/a geboten. Denn, wie ich schon andeutete, kann
ich trotz V. Arnim (Wiener Studien XXII 153 ff.) in der Auf-
nahme dieses Schriftchens in eine Luciansammlung kein voll-
gültiges Zeugnis für seinen Ursprung sehen, das uns zwänge,
nach künstlichen Erklärungen zu suchen, warum Lucian hier
von seinem sonstigen Stil völlig abgewichen sei. Es ist für uns
herrenlos und so gut wie zeitlos. Apuleius aber scheint mir
begreiflicher, wenn er den Stoff schon als Gegenstand eines
literarischen Streites vorfand, und scheint mir dies sogar an
unserer Stelle selbst anzudeuten. Er hat zunächst seinem Leser
nur Belustigung verheißen und hütet sich lange, Partei zu
nehmen. Wohl lesen wir vor der ersten Wundererzählung und
bald nach der Ankündignng ßguras J'ortunasg'ue hominuin in alias
imagines conversas et in se rursum mutuo nexu refectas, ut mireris,
exordior die gewichtigen und für das Ganze bedeutsamen
Worte (I 3) tu vero crassis auribus et obstinato corde respuis quae
forsitan Vera perhibeantur. minus hercule calles pravissimis opi-
nionibus ea putari mendacia, quae vel audiiu nova vel visu rudia
vel certe supra captum cogitationis ardua videantur; quae si paulo
accuratius exploraris, non viodo compertu evidentia, verum etiamfadu
Jacilia senties. Es ist die gleiche Empfindungsart, wie sie etwa
72 APULEIUS UND DIE WUNDERERZÄHLUNG
in den Berichten über ApoUonios von Tyana herrscht^ der
hinter dem äußeren Schein überall das Wunderbare schaut oder
ahnt. Aber eben diese Worte leiten zunächst groteske Erzäh-
lungen echtesten Volksaberglaubens ein, wie sie Petron im
Gastmahl des Trimalchio zur reinen Belustigung seiner fein-
gebildeten Leser bietet, und können durchaus als Charakte-
ristik des Jünglings betrachtet werden. Die Prophezeiung des
Diophanes (II 12) ahmt in dem unmittelbar folgenden eiKOVi-
CjJiöq (II 13, vgl. Lukians Philopseudes ii:^. 34) die populäre
Wundererzählung nach, aber an sie schließt das Spottgeschicht-
chen über den Seher. Wenn das fliehende Mädchen (VI 29)
sagt: quodsi vere Jupiter mugivii in hove, potest in asino meo latere
aliqui vel vultus hominis vel facies deorum, so soll der Leser
weniger daran erinnert werden, daß der Mythos von Europa
wirklich möglich ist (vgl. oben), als durch die groteske Über-
treibung zum Lachen gereizt werden und soll das folgende
Verhalten des menschlichen Esels, der sich an dem Kreuzweg
nur solange zu sträuben und zu drehen weiß, bis die Räuber
ihn mühelos erhaschen, doppelt drollig empfinden. Es ist in
der Tat ein gewisser Reiz der Erzählung, daß der Leser, welcher
weiß, daß ein doppelter Ausgang möglich ist, bis gegen Ende
zweifeln kann, welchen der Autor wählen wird. Daß er den
von ihm gewählten dann steigernd umgestaltet und den Ent-
zauberten sogar die strengen Weihen der ägyptischen Gott-
heiten auf sich nehmen läßt, wird doppelt begreiflich, wenn
die höhnende Schrift des Unbekannten vorausliegt, der gerade
zuletzt die Geilheit und Torheit des Entzauberten hervorhebt.
Was dabei für uns widerspruchsvoll bleibt, ist es für das Emp-
finden des Apuleius nicht: es ist durch und durch der Autor
der Apologie, der uns schon in diesem Werke entgegentritt;
aus jener will es psychologisch erklärt werden. —
Seinen Begriflf der fabula entnahm Apuleius dem Begründer
der Gattung Sisenna; die fabula umschloß für diesen Anekdote
und Novelle, Mythos und Wundererzählung, alles, was heitrer
Unterhaltung dienen konnte. Daß die Wundererzählung diesen
Charakter noch nicht verloren hatte, als sich mit ihr schon
DAS WERK DES APULEIUS 73
wieder ein gewisses religiöses Interesse verband, ermöglichte
es dem Apuleius, gerade sie zum Rahmen für eine Sammlung
yonfabulae zu wählen, die ihn als Virtuosen und Meister in
allen Tonarten zeigen sollte, deren d\& fabula fähig ist. Sein
Versprechen, den Leser zu ergötzen und beständig in Staunen
zu versetzen, hat er dabei redlich erfüllt und zugleich die alte
fabula dem Empfinden seiner Zeit angepaßt. Wer mürrisch
bemerkt: 'er wollte einen Roman schreiben, aber alle seine
eigenen Zutaten verderben nur den Bericht von den Schick-
salen des Esels und entstellen den Charakter des Romans'
(Lucas S. 27) — der zeigt m. E. auch damit nur, daß er das
Werk unter einen ihm fremden Gesichtspunkt gerückt hat und
von der Vorstellung des modernen Romans nicht loskommen
kann. Ähnlich geht ja auch die ästhetische Würdigung, die
das Märchen von Amor und Psyche in neuester Zeit findet,
ganz von dem modernen Begriff des Volksmärchens aus, findet
den Stil nicht entsprechend und schilt darum, statt verstehen
zu wollen.
Das älteste Zeugnis für die fabula von Eros und Psyche will
Paul Schott {Posidippi epigrammata collecta et ültistrata Berlin 1905
p. 61) in Posidipps Epigramm XII q 8 sehen:
Töv MoucAv TexTiTö TTö9o<; h\\(iü.c, e-rr* dKdv9ai?
KOiiaiZieiv e6e\€i irOp uttö irXeupd ßaXuuv.
fl be irpiv ev ßuß\oiq Tre7T0VTi,uevr| dGXm rpiZiei^)
ipuxri, dvirjpuj baijuovi |LiejLiq)0|uevr| .
Er schreibt demzufolge H^uxil a-ls Eigenname. Allein Posi-
dipp redet nur von einer bestimmten Person, sei es von sich
selbst, sei es von einem anderen Dichter (Moucdiv TeiTiH), und
ijJUXil ist, wie der Zusatz ev ßüßXoK; ireTTOvriiLievri zeigt, nur die
Umschreibung für diese Person. Schon der Gedanke, daß Hiuxn
auch Schmetterling bedeuten kann, bringt etwas Fremdes und
Störendes herein. Posidipp will einfach sagen 6 be Trpiv ev
I) äXXa BepiJIei cod., verb. v. Wilamowitz (xpiZei hatte ich hergestellt,
74 PSYCHE ALS UMSCHREIBUNG FÜR DIE PERSON
ßußXoi? 7re7TOVTi)Lievo<;, und wählt nur deshalb die Umschreibung,
weil man ö leTTiH 6 ev ßußXo«; TreTTOvrmevo^ verstehen könnte,
und dies ein ebenso groteskes und unpassendes Bild ergäbe,
wie es allerdings m. E. auch der Schmetterling als Bücherwurm
wäre. Die Bezeichnung Moucuiv xdiTiH hat er dabei für den
Dichter gewählt, um anzudeuten, daß er eigentlich einer an-
deren Gottheit angehört, in deren Rechte Eros oder Pothos
eingreift, wie etwa XII loo, 4 Aphrodite sich rühmt: xov C0(pöv
ev Moucai<; Kunpi? Ixpiuce \x6vr]. Noch näher dem Gedanken
kommt Ovid Amor. I 1 5 : gm's tibi, saeve puer, dedit hoc in car-'
mina iuris? Pieridum vates, non tua turba summ. Ich fasse, ent-
sprechend der Elegie Ovids, unser Gedichtchen jetzt als Ein-«
leitung einer Reihe erotischer Epigramme ; Posidipp dichtete
ja, sowohl für sich allein wie im Verein mit Asklepiades und
Hedylos, derartige zusammenhängende Epigrammreihen und
konnte sehr wohl einen neuen Stoif durch dies Gedichtchen,
welches ein Bild in der Phantasie des Lesers wachrufen oder
zeichnen will, einführen. Wie dem sei, über den Grund-
gedanken urteilte Jahn (Berichte über die Verhandlungen der
Kgl. sächsischen Gesellschaft d. Wiss. III 1851, S. 156) vor-
sichtiger und richtiger als der neue Bearbeiter: von einer Per-
sonifizierung der 'Seele', wie sie der Mythos oder das Märchen
von Eros und Psyche voraussetzt, kann bei Posidipp gar nicht
die Rede sein, nur von einer zu allen Zeiten verständlichen
und unanstößigen Verwendung des Wortes ijiuxil für die Person.
Genau derselbe Fehler wird immer wieder in der Ausdeu-
tung des Phaidros begangen, und wieder zeigt sich Jahn un-
endlich viel vorsichtiger und zurückhaltender als die, welche
jetzt seine Ansichten zu vertreten und auszubauen vermeinen.
Die Vorstellung von dem Verhältnis des Eros und der Psyche,
wie sie uns in Dichtung und bildender Kunst entgegentrete,
setzt nach ihm eine allgemein gültige Auffassung des Wesens
freilich ohne dabei an die \puxcxl xexpiYuiai Homers oder das TpiZeiv
des Schmetterlings zu denken; beides möchte ich auch jetzt durch-
aus fernhalten.)
PSYCHE BEI PLATO. FÖRSTER 75
der Seele voraus, wie sie im wesentlichen wohl erst durch Plato
begründet sein soll. Er betont, daß die jüngeren Platoniker
von dieser zu ihrer Zeit doch bestimmt ausgebildeten Vorstel-
lung gar keinen Gebrauch machen^), daß Plato auf sie nicht
hindeute, ja daß sie keineswegs 'spezifisch platonisch' sei. Plato,
dessen Mythen er dennoch vergleicht, dient ihm im Grunde
nur, einen 'tiefernsten Sinn dieses Mythos' trotz seiner teils
sinnlichen, teils spielenden Ausgestaltung durch die Künstler
zu erklären. Wie er sich die Einwirkung des Philosophen auf
die dichterische Reflexion denkt, der nach ihm der 'Mythos'
entsprungen ist, hat Jahn nicht angedeutet. Umso leichter findet
das R. Förster in seinen beiden Festvorträgen über Eros (1893)
und Psyche (1905).^ Er liest aus dem Phaidros heraus, daß
die Seele 'von Eros getrieben sich nach der Befreiung aus
dem Leibe sehnt; sie möchte wieder auffliegen, und da wachsen
ihr die Flügel, und es treibt sie dahin, wo sie den Träger der
Schönheit zu schauen hofft. Wenn sie ihn geschaut hat, ist sie
befreit von Schmerzen. Ihn zu schauen ist ihr süßester Genuß.
Nichts stellt sie über den Schönen, sie vergißt Mutter und
Schwestern und alle Freundinnen, achtet nichts den Verlust
aller Habe, ja verachtet Herkommen und Sitte, ist bereit, ihm
zu dienen und, wenn nur ihm nahe, am Boden zu liegen.^) Sie
verehrt ihn nicht nur, sie hat ihn als einzigen Arzt der größten
Leiden gefunden. Obwohl in dieser Schilderung des Phaidros
Psyche nicht eine mythische Person, sondern die menschliche
Seele ist, war es doch leicht, auf ihrem Grunde ein Verhältnis
gegenseitiger Liebe zwischen Eros und Psyche aufzubauen . . .
Die platonische Stelle selbst bot die Handhabe, Psyche als ge-
flügeltes Mädchen darzustellen.'^) Das mag für Försters Über-
1) Man vergl. dagegen, wie Heinrici (in dem früher erwähnten Auf-
satz Preuß. Jahrbücher XC 1897, S. 390 ff.) alles Gewicht darauf legt,
daß Apuleius Platoniker ist.
2) Vgl. R. Förster, Das Erbe der Antike, Breslau 191 1, S. 15 und
mit fast wörtlicher Selbstwiederholung S. 83.
3) Vgl. S. 96 'Wenn bei Piaton Psyche, Eltern, Geschwister und
Gefährtinnen verlassend, zu den Füßen des Eros liegt.'
4) In der späteren Wiederholung (S. 83) heißt es: 'diese Stelle des
76 PSYCHE BEI PLATO
Setzung gelten, schwerlich aber für den Urtext (251 d): ck be
djucpoiepiuv |Lie|iieiT|LieviJuv dbriMOvei xe Tri «TOTria xoö irdGou^
Kai dTTOpoOca XuttoI, Kai ejLijuavnq ouca ouxe vukt6<; buvaxai
Kaöeubeiv oöxe |Lie9' fiiiiepav oij otv ^ )ueveiv, GeT be iroOoOca
OTTOu av oi'r|xai öipecGai xöv exovxa x6 KdXXo?" iboOca be Kai
etroxexeucaiLievri ijuepov ^Xuce |Liev xd xöxe cujUTrecppaTMeva,
dvaiTvoriv be XaßoOca Kevxpuüv xe Kai ibbivuuv eXriHev, fibovrjv
b' au xauxriv Y^uKuxdxriv ev xuj irapövxi Kap-rroOxai. ööev br)
€KoOca eivai ouk dTToXeiirexai, oube xiva xoO KaXoO nepi
irXeiovo^ TroieTxai, dXXd jLir|xepu)v xe Kai dbeXqpuJv Kai dxaipuuv
TTdvxuiv XeXricxai, Kai oiicia(; bi' djueXeiav dTToXXu|Lievri(5 Ttap'
oubev xiöexai, vo)ai|uuuv be Kai eucximövuuv, 01^ Tipö xoö eKaX-
XiJUTriJlexo, Trdvxuuv Kaxacppovricaca bouXeueiv exoi|Liri Kai koi-
|Lidc0ai OTTOU dv ed xk; eTTuxdxiu xoO ttööou* ixpöq ydp xuj
ceßecGai xöv xö KdXXo(; exovxa laxpöv rjüpriKe |liövov xujv )Lie-
ficxujv 7TÖVUUV. xoOxo be xö TrdGoc, uj TraT KaXe, ixpöc, öv hr\
|ixoi 6 Xöfoq, dvGpuüTTOi )Liev ^puuxa övoindlouciv .... xüjv fiev
ouv Axöq ÖTtabojv 6 XtiqpGei^ ejiißpiGecxepov buvaxai q)epeiv xö
xou TrxepUJVU|UOu dxGog. Ich bezweifle, daß irgendein Grieche
übersehen konnte, daß 6 xö KdXXo<; e'xuuv der schöne Knabe
(xd TraibiKd) ist, und ^'piu^ überhaupt nicht personifiziert, sondern
als irdGo? bezeichnet wird.-^) Wollte ein Grieche sich wirklich
Phaidros ist auch die Geburtsstätte der Psyche als Person. Piaton
redet zwar von der menschlichen Seele, aber als der theologische Dichter,
der er ist, personifiziert er sie, gibt ihr Eltern und Geschwister, Haus
und Tätigkeit (!). Er nennt sie geradezu 'die Genossin des Gottes', d. i.
des Eros. Daß dieser nun die Liebe erwidert, folgt aus seinem "Wesen.
So kommt Psyche zur Vereinigung mit ihm. Hier empfing seine Inspi-
ration der Künstler, der jene Gruppe schuf, Eros Psychen an sich ziehend,
Psychen sich an Eros schmiegend, jenes Idyll der Antike, das, wir be-
greifen es leicht, den größten Eindruck machte und in zahlreichen Mar-
morwerken, aber auch in Erzeugnissen der Kleinkunst in Ton und
Bronze Nach- und Umbildung erfuhr. Daß Psyche im gleichen Alter
wie er (!), also als Mädchen gebildet wurde, verstand sich von selbst;
desgleichen, daß sie Flügel wie er erhielt' (vgl. über die Kindergruppe
s. 15-17)-
l) Er konnte ja auch gar nicht der ^pu))Lievo(; sein, sondern seinem
Wesen nach nur der IpuJv.
FÖRSTERS MISZDEUTUNGEN 7^
dabei die Psyche persönlich denken, so hätte er sie sicher als
Jüngling und nicht als Mädchen gedacht, oder gar als die
Haustochter, die den Hausstand verkommen läßt, sich herum-
treibt und alle Freundinnen (eiaipuuv TrdvTUJv) vergißt! Aber
ich bestreite, daß er überhaupt an die Seele und nicht ohne
weiteres an den epacTr|(; gedacht hätte, vt-enn er las: ouxe Vuk-
TÖq övivarai Kaöeubeiv . . 0eT öe TroecOca, öttou otv oirixai dij^e-
cGai TÖv exovTtt tö kcxWc? oder K0i|uäc9ai ETTwidTU) loö ttö-
60U, Worte, die er jedenfalls weniger zart aufgefaßt hätte. Er
konnte das gamicht mißverstehen, wenn er eben (251a) von
dem Menschen gelesen hatte: 6 be dpTiTe\r|^ .... örav 0eo-
eibec, TrpöcuuTTOV ibr) KdXXoc eu )ue)Lii|Lir||Lievov r\ Tiva cuüinaTO^
ibeav . . . Trpocopujv dx; öeöv ceßerai, Kai ei |Liri ebebiei xfiv
Tf]^ ccpobpa lüiaviac; boEav, 9uoi dv uj(; dTdXjuaTi Kai 0euj toi?
TraibiKoT? .... beHd|uevoq ^dp toO KdXXouq rriv diroppOTiv
bid TUJV 6|ii)ndTUJV eöepjudvöri, ^ f) toO irrepoO cpOcK; dpbeTai.
Das völlige Ineinanderfließen der Begriffe Person und Seele,
das wir hier wie an manchen anderen Stellen sehen, ist einer
bildUchen und rein menschlichen Darstellung und Personifi-
zierung der Psyche an sich nicht günstiger als ein ähnlicher
Sprachgebrauch bei Q\j}x6<; oder Kapöia, und sie wird fast un-
möglich, wenn der antike Künstler die Seele selbst als die Be-
gehrende, nicht die Begehrte, die Liebende, nicht die Geliebte
darstellen müßte. Von einer wechselseitigen Liebe fand er
bei Plato überhaupt nichts, sie war bei ihm ausgeschlossen.
Wollte der Künstler sie darstellen, und zwar durch Eros und
Psyche darstellen, so konnte ersterer nur der Begehrende, der
Liebende sein, und ich kann mir denken, daß Darstellungen,
welche den begehrenden Heros von Eros begleitet und geführt
sein lassen, in der weiteren Entwicklung dazu führten, Eros
selbst als den Begehrenden und statt des sterblichen Weibes
dann als ähnlich allegorisches Wesen Psyche einzuführen. Es
scheint das nach der von Wolters (Archäol. Zeitung 1894,
Taf. I, S. II, vgl. Petersen, Rom. Mitteilungen igoi, S. 71)
veröffentlichten Bronze ja schon in der ersten Hälfte des vier-
ten Jahrhunderts geschehen zu sein. Aber aus Plato kann nie-
Reitzenstein: Amor und Psyche. 6
78 PLATO UND DIE KUNST
mand den Gedanken herleiten. Ich könnte mir femer denken,
daß das Empfinden, daß Eros die Seele beschwingt und zum
Himmel erhebt — freilich nicht zum Himmel des Philosophen
— , schon frühzeitig von einem Dichter ausgesprochen ist, und
daß Plato mit solchen Bildern von Künstlern oder Dichtern
spielt und durch die volkstümliche Ausdrucksweise (vpuxr) =
ö dpujv) ihren Widerspruch zu dem wirklich von ihm geschaf-
fenen allegorischen Bilde der dreiteiligen Seele verschleiert
Nicht aber kann ich mir vorstellen, daß aus seiner wunder-
baren Schilderung des vierten Wahnsinns und gottgewollten
TiaQoc, Mie Idylle der antiken Plastik', jene Kindergruppe her-
vorwuchs, bei deren Betrachtung über zartes Empfinden in die
Dichterworte ausbricht: ^Die Engel im Himmel sich's zeigen
Frohlockend von Herzensgrund, Wenn Bruder und Schwester
sich neigen Und küssen sich auf den Mund'. Dieser Künstler
sollte Piatos Empfinden wirklich wiedergeben, so, wie hier das
Mädchen, sollte 'die platonische Psyche' sich gebärden (För-
ster, S. i6)! Bei dieser Ableitung wirkt eine ganz moderne
Auffassung der sogenannten platonischen Liebe, nicht Plato
selbst ein. Ein antiker Künstler, der sich von der Phaidrosstelle
zum Schaffen begeistern ließ und sie zugleich so kläglich ver-
darb und mißdeutete, wäre mir unfaßbar.
Gewiß ist es ohne alle Einwirkung Piatos durchaus denkbar,
daß Künstler relativ früh Eros die Psyche quälend^) und bald
auch Eros die Psyche begehrend darstellten, und daß sich
hieraus noch weitere Gegenüberstellungen des jugendlichen
Paares entwickelten. Aber mit alledem kommen wir immer nur
zu Einzelbildern, Bildern, die noch dazu von der Erzählung
des Apuleius in dem entscheidenden Punkte abweichen, daß
in ihnen erst die Beflügelung die Seele zur Partnerin des
Gottes gemacht hat, und gerade die Beflügelung der Psyche
des Apuleius fehlt und fehlen muß. Eine Vereinigung der ver-
schiedenen Bilder von Eros und Psyche zur geschlossenen Er-
l) Nach Förster, S. i8, stammt freilich auch dieser Gedanke aus
Plato. Es fehlt nur noch die Behauptung, daß Plato die v|juxn er-
funden hat.
PERSONIFIZIERUNG DER PSYCHE
79
Zählung ist nur möglich entweder durch eine Allegorie — und
sie kann hier nicht vorliegen — oder durch einen alten Mythos
— und er ist für Griechenland unerweisbar. Es ist ein un-
klares Spiel mit dem Worte Personifizierung, wenn man ohne
weiteres annimmt, daß die persönliche Darstellung der Einzel-
seele sie sofort zur wirklichen Göttin macht, der nun durch
einen frei erfundenen 'Mythos', oder ein Märchen oder einen
Roman ^) ein ganz individuelles, nicht von der Allegorie be-
stimmtes Erleben zugeschrieben werden kann.^) Wohl aber
können diese Bilder und Einzel Vorstellungen die Übernahme
eines fremden Mythos erleichtem und seine künstlerische Aus-
gestaltung entscheidend beeinflussen. Nicht einen griechischen,
wohl aber einen hellenistischen Mythos von einer Göttin Psyche
müssen wir voraussetzen. Sie steht im Mittelpunkt.
Ich stelle, um dem Leser die Nachprüfung zu erleichtem,
die schwachen Spuren eines solchen noch einmal zusammen.
Die zuerst angeführten Zaubertexte belegen freilich scheinbar
nur, daß die Erzählung von Eros und Psyche viel tiefer in das
Volk eingedrungen ist, als dies Jahn irgend annehmen konnte.
Im Sinne ihrer Verfasser ist Psyche zunächst nur Vertreterin
der Einzelseele; die mythologischen Züge knüpfen an Eros; er
ist wirklich noch immer Gott Den Wortlaut gebe ich nach
i) Letzteres bei W. Schaller De Apulei fdbula etc. Leipzig 1901.
Ich kann in der Arbeit, die Norden in der Einleitung zur Altertums-
wissenschaft I 572 rühmend hervorhebt, neben vereinzelten glücklichen
Bemerkungen nur den ganz unbeabsichtigten Nachweis der Unmöglich-
keit der bisherigen Erklärungen finden. — Für die Mehrzahl der in dem
Vortrage angeführten alten fabulae und für TibuU II 3 verweise ich auf
die Dissertation meines Schülers M. Heinemann Epistulae amatoriae
quomodo cohaereant cum elegiis Alexandrinis , Dissert, philol. Argento-
rat. XIV 3, für Properz 1 3 auf meine Ausführungen im Hermes 47
S. 81 A., endlich für die aus alexandrinischen Hochzeitsliedem entnom-
menen Bilder auf meinen Aufsatz 'Die Hochzeit des Peleus und der
Thetis' ebenda 35 S. 73 ff.
2) Ein Empfinden dafür zeigt Gruppe (Griech. Mythologie S. 871 ff.),
doch genügt sein Versuch, dem früher oft geäußerten und schon von
Jahn abgewiesenen Gedanken an altgriechische Mysterien eine Art
von Rechtfertigung zu geben, mir in keiner Weise.
6»
8o ZAUBERPAPYRI. DARDANOS-SCHWERT
den wiederholten Nachprüfungen von Dr. K. Preisendanz, der
mir in hochherziger Güte das Manuskript zu dem neuen Cor-
pus der Zauberpapyri nach Freiburg zur Benutzung übersendet
hat Die erste Zaubervorschrift findet sich in dem großen Pa-
riser Zauberpapyrus v. I7i7ff. (Wessely, Denkschr. d. K. K.
Ak. 1888, S. 87): ZiqF>0(S Aapbdvou* 7TpäHi(; f] KaXoujaevTi Hi-
<poq, f]q oubev eciiv icov öict xfiv evepTemv. KXivei ycip Kai
OLfei y\)vxr[\ avTiKpu(;, ou av öeXr]^, XeTiwv töv Xötov Kai ötr
kXivu) Triv v|Jux^v toO beiva. — Xaßuuv XiGov iiidTvriTa töv
TTveovia yXuh^ov 'Acppobiiriv itttticti Ka9rmevr|v em Yuxti<;,
TV) dpicrepa xeipi KpaTOÖcav toix; ßocxpuxouq dvabec|Lieuoiue-
VTiv Ktti eirdviu Tfic, KecpaXriq avTf]q axinaTcpapTreipei. iiTTOKdTUü
be xfjq 'A(ppobiTri(; Kai Tf\c, Wvxr\(; "EpuuTa em ttöXgu iciuj-
xa, Xajairdba KpaxoOvxa Kao|aevr|v, q)XeTovxa xrivH'uxnv. utto-
Kdxuu be xoö ''Epijuxo<; xd övöjuaxa xaOxa' axaira 'Abuuvaie
ßac)iia xopoKuu 'laKiJüß 'Idiu f\ cpapcpapvii. eic, be x6 exepov |Lie-
poc, xoO XiGou yuxnv Kai "Epuuxa TrepiTreTrXeTlLievGu^ eauxoi(;
Kai iJTTÖ xoOq TTÖbac; ToO ''Epijux0(; xaOxa' cccccccc, utto-
Kdxiu be xfiq Yuxn<; r|r|r|ririTiriTi. Beide umarmen sich^
also stehend. — Das stark von griechischen Vorstellungen be-
einflußte Gebet beginnt: erriKaXüOiLiai ce xöv dpxriTeTTiv Trdcriq
fevecewc,, xöv biaxeivavxa laq ^auxoO TrxepuYa<; ei^ xöv cu|li-
Ttavxa KÖC)HOV (vgl. Apuleius: quod pinnis volitans super aethera
cunda fatigat), ce XÖV aTrXaxov Kai djuexprixGV, ei^ xd<; vjjuxd?
7Tdca(; Ziuiotövov ejUTTveovxa Xoyic|liöv, xöv cuvapiuocdjuevov xd
Tidvxa xrj lauxoO buvdjuei, TtpujxÖTOve, Travxö<; Kxicxa, XP^co-
TTxepuTe, lueXaiiiqpafi . . 1775 veuuxaxe, dvojue, dviXacxe, dXixd-
veuxe, dibfi, dcu)|Liaxe, oicxpoYevexu)p , xoHöxa, XajUTraboöxe,
nbx.ryz, Trveu|uaxiKfi(; aic0r|ceuj^, Kpucpiuuv Trdvxujv dvaS, xa)uia
^^01?. Tcvdpxa ciTfjc;, bi' öv xö q)U)? Kai icov xi q)ujc x^wpeT,
vriTTie öxav tewriGricj ev Kapbiaic;, irpecßuxaxe öxav e'n:ixeuxörj(;
.. 1794 Trpujxocpavfi, vuKxtqpavfj, vuKXixapfj, vuKxixeve'xujp.
Der zweite Zauber, der TTdpebpoq "Epuj^ (Pap. Lugd. V
bol. 1,14, Dieterich Jahrb. Suppl. XVI p. 794), lautet: Xaßuuv
[Kripöv TJuppTiviK[ö]v jueiSov auxuj 7T[dv] tevo? dpuj)Lidxa)v
Kai 7To[i]ricov "Epujxa bcKxuXuuv <(6kx>uj )LifiKO(; XajUTrabriqpö-
PARHEDROS EROS. KOSMOGONIE gl
pov, e'xovxa ßdc[i]v laaKpdv, eKbeH[i]v [loijvbe [cJiriXriv *) , ti^
[b' dpicxejpa xexpX KpareiTcu TÖHofv] Kai ßeXo[(;, lü] ß[a]XeT
Yuxnv. Das Gebet beginnt (col. II i): eTriKaXoOinai C€ [t]öv
ev xfi KaXr) koiti;], t[öv] ev tuj TroGeivuj oktu, biaKÖvricöv )lioi
. . . f\Ki }JLO\ ö becTTÖTri[q] ToO oupavoO eTriXd|Li7TUüv rrj oikou-
ILievTi, bittKÖvricöv |uoi . . . nKe |uoi 6 becTTÖiriq tujv jiiopqpujv . . .
cu el [6 dcjTpdiTTUJV, cü ei 6 ßpov[T]a»v, c[u] ei ö ceiujv, c[u]
ei ö irdvia CTpe\\)aq Kai eTTavopeuuca(; [rrJdXiv .... cu d b
TrepiexuJV jäc, xdpixa^ ev irj Kopucpfj XainTrpri, cu ei 6 e'xiwv iv
Tf] [bJeHia xfiv dvdYKiqv cu ei ö vrimoq, 6 Ziujv 0eö<; . .
. . . <(6 eK> triq epu0pd[<;] 9aXdccTi(;, 6 ck tujv b' juepOüV tou?
dve|uou(; cuvceiuuv, 6 im tou Xuutou KaGriiuevo? (das Horos-
kind) Kai Xa|Li7Tupibu)V [ijriv öXr|V oiKOU|uevriv ' KaöeJÜr] fäp * *
KopKobeiXoeibr|(;, ev be ToTq TTpö(; vötov )Liepec[i]v bpdKuuv ei
TrTepoeibri(;' ojg ydp eq)u<; xfi dXri9eia.
Die Stelle der Kosmogonie lautet in Dieterichs Wiederher-
stellung (Abraxas 184 Z. 80): eKdKxace tö ^ßbojLiov dc9|iiricd-
ILievo? Kai KaKxdZioüv ebdKpuce, Kai dfeveTO Yuxri. 6 be Qeöc,
eqpri" irdvia Kivricei?,. Kai irdvxa iXapuv0r|cexai 'Ep|uou ce öbr|-
YOuvxo(;. tout' emövxo? xou 9eou irdvxa eKivri9Ti Kai ettveu-
luaxiuGri dKaxacxexuj(;. An die philosophische Annahme einer
Weltseele als Bewegungsprinzip kann nicht denken, wer die
die Eigenart der Kosmogonie irgend kennt. Nur bei der Be-
nennung der Gottheit, welche der Materie zunächst Bewegung
und Beseelung bringt (TTVeu)Lia ist im Sinne von \\f\)xA gebraucht),
kann ursprünglich die Philosophie mitgewirkt haben. Daß die-
selbe Göttin später von Hermes geleitet dem All die Freude
bringt, wird in der Fortsetzung nicht mehr erzählt; es bleibt
Verheißung. Die Kosmogonie fährt zunächst fort: ibiJbv xriv
M^uxrjv, veuca? eiq ff\v ecupice luexa Kai r\ ff[ r|VoiTTi Xaßouca
xöv fjxov. Kai djewricev ibiov cujov, bpdKOVxa TTu9iov^, bc,
1) Die Lesung und Ergänzung scheint unsicher; man erwartet ent-
weder ^K 6e2iu)v h^ ^vxr\v oder vielleicht ^K6eEö|nevov (?) 6^ ttiv
Vuxiiv. Jedenfalls fehlt eine Erwähnung der Psyche.
2) Die pythische Schlange gehört natürlich nicht in die orienta-
lische Kosmogonie; alles was Dieterich Abraxas S. illfF. vorbringt,
82 DER KOSMISCHE GOTT EROS
TCi Tidvia irpo^ibei bia töv (pGoTTOv toö 0eoO.^) toö bi qpa-
vevTO? dKupiavev r\ yx] Kai im;iu9ri ttoXu, ö be iröXoq tiucid-
Oricev KOI ineWujv cuvepYecöai. 6 be Geöc ibüuv töv bpcxKOVia
d9a)aßr|9r] (vgl. später ö be 8eöq TrdXiv eirioriGri). Freilich läßt
sich nicht sicher beweisen, daß dieser bpotKUJV (TTuGiOi;) der
Kosmogonie mit dem bpdKOUV TTiepoeibriq identisch ist, der nach
dem ''Epuü(; TTdpebpo(; die Urform dieses Gottes ist Man kann
allerdings darauf hinweisen, daß in dem Dardanos-Schwert,
das auf denselben Mythos Bezug nimmt, unter dem Erosbilde
das achtmalige Zeichen des cupiT^ö«; steht und der Urgott
der Kosmogonie als achte Gottheit durch den cupiT)Liö<; die
Schlange schafft, oder darf hervorheben, daß Amor bei Apu-
leius alles vorherweiß wie die Schlange der Kosmogonie und wie
der Eros des Dardanos-Schwertes, der alle Geheimnisse kennt
und alles pneumatische Gewahren, d. h. alle ekstatische Schau,
verleiht. Wichtiger, doch in der Erklärung nicht sicher, wäre
vielleicht, daß auch der Eros in den alexandrinischen (?)
Mysterienvorstellungen bei Philo de vit. cont. 473 M. (litt' epiuTog
dpTTacGevTe? oupaviou KaGdirep 01 ßaKxeuö|Lievoi Kai Kopu-
beweist nur, daß ein alter Schlangengott später mit der pythischen
Schlange identifiziert werden konnte. Der Anlaß ist diesmal rein
äußerlich und besonders klar: zweimal hat soeben der Schreiber aus
einem andern Text ein Amulett beschrieben: in eine Lorbeerwurzel
sollen eingeritzt werden Apollo und neben ihm der Dreifuß und der
TTüeioc bpdKUUV (nur die zweite Rezension hat an einer Stelle, es ist
180,2, TTuBivov, aber zu iruGiov korrigiert) und um die Bilder magische
Buchstaben wie in dem Erosamulett. So setzt er in der Kosmogonie,
wo dieselben magischen Buchstaben als Namen, die der Urgott gibt,
wiederkehren, ohne weiteres irOBiov ein (nur die zweite Rezension hat,
hier unverbessert, truBivov). Eine Änderung zu irupivöv wäre danach
unwahrscheinlieh ; das ganze Epitheton ist hellenisierender Zusatz,
i) Es folgen die Worte fireKdXece hk. auxöv ö öeö^" iXiWou lX\i\ou
IXiXXou (nach gütiger Mitteilung Prof. Spiegelbergs heißt lilu koptisch
der Knabe, von dem öpdiKUiv UTepoeiöric; ist in dem Parhedros Eros
gesagt cu el 6 vritrioc;, möglich also, daß eine Entstellung dieses Wortes
vorliegt) i9uup |aa|japavJT>l <piwX^<Poß^X' Genau dieselben Worte stehen
in dem oben erwähnten Amulett 180, i — 3 auf dem Leib der Schlange
und um Schlange und Dreifuß.
DIE KOSMISCHE GÖTTIN PSYCHE 83
ßavTiaJVTe<; evGoucidZiouciv) Ekstase und Prophetie gibt —
genau wie der zär in der Erzählung von Minyeh. Auch der
Schlangengott und die pythische Schlange ist fast überall das
TTveOi^a iLiavTiKÖv (vgl. Dieterich Abraxas 1 1 4). Wir würden das
seltsame Apollo-Orakel bei Apuleius besser verstehen, wenn wir
annehmen dürften, daß ursprünglich Eros selbst den Propheten
oder die Prophetin inspiriert, wie der zär die Zauberin oder Be-
sessene nach heutigem orientalischem Volksglauben'^) oder wie
in den Akten des Thomas Christus den Apostel. Der Gott ver-
langt selbst für sich die Braut; das ist notwendig überall die kult-
liche Urform. Allein diese naheliegenden Kombinationen er-
setzen nicht den vollen Beweis. Bewiesen ist durch die Kos-
mogonienur die Existenz einer orientalischen Gottheit Psyche.
Auf sie kann daher auch eine Stelle der TeviKOi XÖYOi Bezug
nehmen, welche in unserm Corpus Hermeticum X 7 (p. 71,7
Parthey) angeführt wird: ouk fiK0uca(; ev toT(; reviKoT^ öxi dTTÖ
|Liiä^ M^uxn«; rfiq tou iravTÖi; Tiäcai ai njuxai eiciv ai xe <Trepi
TÖv 9eöv cuvTiYepiLievai ai xe) ev xuj iravxi köc|uuj Ku\ivbou|Lievai,
Üj^TTcp dTroveve|iiri|uevai; Die Handschriften des Corpus geben
ai xe (einmal), die des Stobaios (Ekl. I, p. 4 1 6, 2 1 Wachsm.)
durch Schlimmbesserung auxai, wonach dann der Artikel fehlt;
die Ergänzung habe ich der Hermetischen Köpi] köc|liou ent-
nommen (Stobaios Ekl. I p. 389, 5fF. Wachsm.), in welcher der
Urgott eine Urseele (ipüxuuCK;) schafft und aus ihr die Teil-
seelen erzeugt, die teils im Himmel bleiben, teils zur Erde
sinken. Der Timaios Piatos wirkt stark ein, doch braucht er
weder für die Köpri köcjlidu noch für jene verlorene Abhand-
lung der reviKOi XÖYOi den eigentlichen Ausgangspunkt ge-
geben zu haben; Mythos und spekulative Deutung und Aus-
gestaltung durchdringen sich, wie sie es ja auch in der Gnosis
tun. Feste Anhaltspunkte für den Eros-Mythos geben nur die
Zaubertexte und — Apuleius.
l) Daß Mie vom zdr Besessene' noch heutzutage ganz offiziell 'die
Braut des zär^ heißt, ohne daß man sich freilich in der Regel bei dieser
Bezeichnung viel denkt, teilt mir Prof. E. Littmann mit.
84 DIE MODERNE MÄRCHENFORSCHUNG
Ich füge zum Schluß noch die jüngste Erklärung unseres
Märchens bei, die mir erst nach Abschluß der eigenen Unter-
suchungen bekannt wurde. F. von der Leyen, Das Märchen,
Leipzig 191 1, S. 98 fF. erklärt es als griechisches Volksmärchen,
das freilich von künstlicher und steifer Allegorie fast zugedeckt
sei. Denn Apuleius, dem die Märchen ähnlich wie unserem
achtzehnten Jahrhundert erschienen seien, habe sich bemüht,
die alte Fabel durch Allegorie und Philosophie zu vertiefen;
doch sei es nicht schwer, das Ursprüngliche und Echte zu-
rückzugewinnen. Er gibt nun zuerst offenbar die Form, die
dem Apuleius vorgelegen haben soll.
'Ein König hat drei Töchter, die jüngste soll in die Gewalt
eines Ungeheuers kommen. 'Unter Trauern begleitet man sie
zu dem Felsen, unter dem das Ungeheuer haust, und sie stürzt
sich hinab, aber ein sanfter Windhauch trägt sie in ein blühendes
Tal, sie sieht einen Hain und eine Quelle, und das Ungeheuer,
bei Tage eine Schlange mit ungeheurem Rachen, gifttropfend,
ist bei Nacht ein schöner Jüngling. Psyche, die Jungfrau, lebt
in einem märchenhaften Palast, die Gemächer glänzen so von
Gold, daß es auch bei Nacht hell bleibt, eine unsichtbare
Dienerschaft erfüllt alle ihre Wünsche. Ihr Gemahl warnt sie,
sie solle sich von den Schwestern nicht ausfragen lassen und
nie nach seiner Gestalt forschen, sie widersteht auch eine Zeit
dem neugierigen Drängen dieser Neidischen, schließlich
fragt sie den Gemahl doch, und da entschwindet er ihr,
und sie wandert ihm nach. Die neidischen Schwestern stürzen
sich auch vom Fels, aber zerschellen dabei. Psyche wandert
weiter; sie wird von Venus (!) gepeinigt, von Traurigkeit und
Sorge, ihren Dienerinnen, gegeißelt, sie muß durcheinander
geworfene Garben, Kränze und Sicheln wieder in Ordnung
bringen, sie muß Gerste, Weizen, Hirse, Mohn, Erbsen, Linsen,
Bohnen auseinanderlesen: dabei helfen ihr die Ameisen; sie
muß Wolle von bösen, wilden Schafen mit goldenen Vließen
bringen, das Schilf flüstert ihr zu, sie solle warten, bis die
Tiere es (?) selbst abstreiften; sie muß Wasser aus einer Quelle
holen, die von Drachen bewacht wird, ein Adler füllt das Ge-
DIE ANALYSE VON DER LEYENS 85
faß für sie. Zum Schluß soll sie in die Unterwelt steigen und
Schönheitssalbe von der Totengöttin holen, dabei trägt sie in
einer Hand Kuchen und Mehlbrei, in der anderen Honig und
Wein, im Mund eine Kupfermünze. Dreimal wird sie versucht,
es (?) fallen zu lassen ; zuerst begegnet ihr ein lahmer, mit Holz be-
ladener Esel; der lahme Treiber bittet sie, die Holzscheite auf-
zunehmen, dann schwimmt ein alter Mann ihrem Kahne nach,
man möge ihn auch hineinziehen, und alte Weiber am Web-
stuhl bitten sie, auch Hand anzulegen. Sie widersteht den
Versuchungen allen, sie nimmt dann vom Mahl nur ein Stück
Brot, das sie auf der Erde sitzend zu verzehren hat, erhält die
Büchse und öflfnet sie schon unterwegs, ein betäubender Dampf
steigt hervor, aber sie ist erlöst und mit dem Geliebten wieder
vereint.' —
Die Erzählung ist in der Tat unverständlich und traumhaft
geworden, was ja nach dieser Betrachtung das entscheidende
Kennzeichen des Märchens sein soll. Die Götter sind beseitigt,
bis auf Frau Venus, die sogar ihre allegorischen Dienerinnen
behalten hat; beseitigt ist der Anschlag Psyches und die Ver-
letzung Amors; dafür ist das Motiv des 'Nicht-Fragens' frei
eingesetzt. Die Analyse kann beginnen:
'Die Einleitung ist sonst ein Märchen für sich, eine Königs-
tochter wird einem Ungeheuer, meist einem in eine Schlange
verwandelten Menschen, vermählt und erlöst das Unge-
heuer, das vor ihr alle Bräute in der Brautnacht zerriß.
Dann erscheinen Teile des Märchens von den neidischen
Schwestern, die der glücklicheren Schwester ihr Glück stehlen
möchten. Ihr(?) schließt sich das alte, früher auch einmal selb-
ständige Traummärchen vom verschwundenen Geliebten an.
Darauf geht die Erzählung in das Märchen von den unlös-
baren Aufgaben über, die so gern — man denke an unser
Aschenbrödel — dem braven Mädchen zugemutet werden,
das die bösen Schwestern mißhandeln, und das Ende ist eine
Höllenfahrtsgeschichte, die unverkennbar an unser
Deutsches Märchen von der Frau Holle erinnert und
damit zum dritten Mal auf die neidischen Schwestern im
86 DIE ANGEBLICHE URFORM
Märchen deutet. Also das erlöste Ungeheuer, die unlös-
baren Aufgaben, die Unterweltsfahrt und die ^neidischen Schwe-
stern, das sind die Märchen, die sich in- und durcheinander
schoben in einer Wirrnis, die es wieder sehr wahrscheinlich
macht, daß Apuleius an ein im Volk erzähltes Märchen sich
hielt. Da das Märchen vom erlösten Unhold und das von dem
entschwundenen Geliebten vielleicht indisch sind, darf man die
Möglichkeit, daß hier indischer Einfluß spürbar ist, aus dem Kreis
der Erwägungen nicht ganz ausschließen. Die meisten europä-
ischen Volksmärchen, die dem Märchen des Apuleius ähnlich
sind, nehmen, nachdem der Geliebte entschwunden, eine andere
Wendung. Die Braut wandert durch die Welt dem Entschwun-
denen nach, sie findet mitleidige Helfer, die ihr Geschenke
geben. Als sie den Gfliebten endlich wiederentdeckt, will er
sich gerade mit einer anderen Braut vermählen. Sie erwirkt
sich von dieser mit Hilfe ihrer Geschenke die Erlaubnis, in
drei Nächten bei dem Geliebten zu schlafen, und weiß end-
lich seine Erinnerung zu wecken. Diese Wendung ist die na-
türliche und organische^) und kann daher die alte sein, die
l) Selbst wenn diese Behauptung richtig wäre, dürfte man freilich
fragen, ob das für planmäßig entworfene Erzählungen geeignete Argu-
ment bei der Märchenforschung gleiche Beweiskraft hat — wenigstens
wenn man das Märchen ähnlich wie von der Leyen faßt. Wie im Fol-
genden das falsch gewählte Stichwort 'Scheinhochzeit' und der un-
passende Vergleich der niederbrennenden Kerze der Syritha mit dem
Lämpchen der Psyche — beiläufig, ein Zug, der eben aus der märchen-
haften Vorlage des Apuleius beseitigt war — mißbraucht werden, um
die Ähnlichkeit zweier Erzählungen zu erweisen, die sich im Gesamt-
inhalt diametral entgegengesetzt sind, brauche ich für Philologen nicht
hervorzuheben. Ebensowenig brauche ich für sie auszuführen, daß es nicht
gleichgültig ist, ob der Held der Erzählung, die von der Leyen als be-
sonders aufschlußreiche Probe ägyptischer Märchenkunst bietet (S. 87),
ein Mensch ist oder, wie längst erwiesen, ein Gott. Ein Teil der Er-
zählung kann dann natürlich durch einen echten Mythos bestimmt und
gegeben sein, während in dem anderen die Phantasie frei schaltet. Erst
dadurch wird jene Geschichte wichtig und 'aufschlußreich'.
MÄRCHENFORSCHUNG UND PHILOLOGIE 87
in der Vorlage des Apuleius durch eine weniger gute er-
setzt wurde.'
So ist die Bahn für weitere Vergleichungen frei geworden,
und wir können die späte "Erzählung des Saxo Grammaticus
von Otherus und Syritha als Nachhall des 'echten' Psyche-
märchens erweisen. 'Syritha, eine Königstochter, will nur dem
als Frau folgen, der es über sie vermag, daß sie seinen Blick
erwidert. Keinem Freier gelingt das, sie hält immer ihre Augen
gesenkt, auch Otherus versucht es vergebUch. Ein Riese raubt
die Syritha; Otherus befreit sie aus seiner Gewalt. Dann muß
sie einer häßlichen Waldfrau dienen, und Otherus befreit sie
noch einmal. Doch sie sieht ihn nicht an, trotz seiner Bitten
und Beschwörungen. Nun gerät sie in Not und kommt auf
ihrer Wanderung in das Land des Otherus. Seine Mutter be-
hält sie trotz ihrer Dürftigkeit bei sich, und er gibt vor, er
werde mit einer anderen sich vermählen. Sie muß bei dem
Brautlager die Kerze halten, die ganz herunterbrennt. Otherus
gebietet ihr, auf ihre Hand zu achten, da schlägt sie endlich
die Augen auf und ihn trifft ein Blick namenloser Liebe. Da
hat die Scheinhochzeit sofort ein Ende, der Liebende hat
sich die Geliebte endlich erobert.'
Es ist nach von der Leyen ein Triumph für den Märchen-
forscher, daß die alte entstellte Form, die uns in den Überlie-
ferungen der Griechen und Römer begegnet, sich durch neue,
besser erhaltene, reinigen läßt, so daß die ursprüngliche Ge-
stalt dieser 'von der Literatur ins Volk und vom Volk wieder
in die Literatur' geratenen Märchen wieder sichtbar wird. Ich
fürchte, soweit dieser Triumph dem Psyche-Märchen gilt, ist
er verfrüht. Wohl ist der durch die Papyri bezeugte Mythos
in der Tat zum Kunstmärchen geworden, und zu aller Zeit
benutzt das Kunstmärchen Züge und Motive des Volksmär-
chens; sie soll der 'Märchenforscher' aufsuchen. Aber die Ge-
samterzählung bleibt für seine Rekonstruktionen unbenutzbar,
mag sie nun der Schriftsteller frei erfunden haben, wie etwa
Andersen den Hauptteil seiner Märchen, oder mag ein fester
Mythos und ein bestimmtes religiöses Empfinden ihm die un-
88 DIE ANGEBLICHE URFORSCHUNG
abänderlichen Grundlinien gegeben haben. In beiden Fällen
verlangt die Analyse eine andere Methode und tritt die Einzel-
philologie in ihr unveräußerliches Recht. Sollte sich das an
der Erzählung von Amor und Psyche gezeigt haben, so bietet
vielleicht auch sie einen Beitrag zur Kenntnis des Werdens
und Wesens der Märchen und der Behandlung, die sie ver-
langen.
NACHTRÄGE.
Unmittelbar vor Abschluß des Druckes kommt mir
Rud. Pagenstechers Abhandlung 'Eros und Psyche',
Sitzungsber. d. Heidelberger Akademie, philos.-histor.
Klasse igi i, Abh. 9, in die Hände. Sie gibt auf Tafel Illb
die Abbildung einer ägyptischen Lampe aus der Samm-
lung E. V. Sieglins : über den schlummernden Eros, neben
welchem ein Latemchen steht, erhebt sich die beflügelte
Psyche. Pagenstecher (S. 38) will hierin eine Illustration
zu dem Märchen des Apuleius sehen, so unwahrschein-
lich das von vornherein ist. Aber, von der Beflügelung
der Psyche ganz abgesehen: ihre Haltung paßt zu der
von Apuleius geschilderten Szene in keiner Weise. Diese
Psyche, deren Darstellung an die des Stiertöters in der
Mithras-Kunst erinnert, will den Eros töten, indem sie
ihm zwischen Schulter und Hals die gefahrliche Wunde
beibringt, welche nach meiner Vermutung in dem ur-
sprünglichen Mythos ihre Wanderung ins Totenreich
begründet. So bestätigt dies Werk ägyptischer Klein-
kunst aufs beste die Andeutungen der Zauberpapyri:
nicht des Apuleius Erzählung, sondern ein im ägypti-
schen Hellenismus bekannter Mythos wird illustriert. —
Die Wiederbelebung der ohnmächtigen Psyche durch
die Berührung mit dem Pfeil (Apuleius VI 21) scheint
ein der alexandrinischen Dichtung entnommenes Motiv,
vgl. die reizende Nachahmung einer solchen Dichtung
bei Statius Silv. II 3, 2 7 ff. (Statius zeigt hier bewußte
Anlehnung an Ovid).
SACHREGISTER.
Achamoth 24.
Aeschines ep. 10: 69 A.
Agathias A. P. V 294 : 3 1 .
Allegorie 9. 10. 12. 17. 84.
Anthologia Pakt. V 127 (Marcus
Argentarius) 31 ; V 199 (Hedylos)
30; V 209 (Posidipp) 29; V 275
(Paulus Silentiarius) 31; V 294
(Agathias) 31; VI 292 (Hedylos)
31; XII 98 (Posidipp) 73.
Apollonios V. Rhodos IV 795 ff- 36.
Apuleius I l: I. 50—52; rV32:
8. 53; VI 31: 60. 61; X 2ff.:
68—70.
Archilochos 35.
Aretalogie 66 A. 2.
Argentarius, siehe Marcus.
Aristainetos I 7: 30; I 15 : 70.
Aristeides v. Milet 2. 33 — 35. 42.
59 ff.
— , Fragment 59 — 61.
Aristophanes Plutus 177, vgl. Schol.
29.
Arnim, v. 71.
Bacchanalien 26. 27.
Bethe (Mythus, Sage, Märchen
S. 41 ff. aus Hessische Blätter f.
Volkskunde IV) 22.
Catull 68, 115: 36.
Charisius 223, 14: 59.
Corpus Henneticum X 7: 24. 83.
Damascius 42.
Dardanos-Schwert 19. 80.
bepiiTicxfii; 59. 60.
Diatribe 39.
eiKOviciuöc; 72.
Epigramm (vgl. Anthol. Palat.) 29
bis 31.
Eros, kosmische Gottheit 21.81. 82.
Erzählerstand 16. 29. 32. 33. 35. 50.
Eselsgeschichte 35. 42 ff. 61. 62.
fabula 51, 3 u. öfter.
Feuilleton 34.
Förster, Rieh. 75—78.
Friedländer, L. 12. 14. 15. 22. 27.
Fronto p. 62 Na.: 49. 50, i.
Geffcken 66, i.
Georg, Heiliger, sithe Volksbuch.
Gnostizismus 23 — 25.
Goethe 3, vgl. 91.
Gottesbrautschaft 25 — 27. 83, i.
Gruppe, O. 79.2.
Harpokrates 22.
Harpokration 54, 25 B: 59.
Hedylos A. P. V 199: 30.
— , VI 292: 31.
Heinemann 79, t.
Heinrici 23. 75, l.
Heinze, R. 65.
Herder (Briefe über Humanität VI 64,
Bd. XVn 346 Suphan) 3.
Hermetische Schriften, siehe Cor-
pus u. Köpi]
Hesych, Glosse bepfiTlcxrjq 60.
Himmelshochzeit 25 — 27.
SACHREGISTER
91
Hipponax 35.
historia 33. 44. 68. 70. 71.
Hochzeitslieder 6. 40.
Höllenfahrt 23. 85.
Istar 2j.
Jahn, O. 10. II. 74. 75.
Kallimachos, Hymn. 3, 4ff. : 36.
Jamben (vgl. Diels Internationale
Wochenschr. 6. Aug. 19 10) 35,
Kerkidas Jamben fr. i : 30.
Köpn Köc^ou 83.
Kunstmärchen 8. 37. 87.
Leo, Fr. 50, 2. 54.
Leyen, von der 13. 84 ff.
Lucas, H. 49. 50, 2. 52. 54. 62.
66. 67. 73.
Lucilius 8,
Lucian, siehe Pseudolucian.
AoÜKiO(; f^ övo(; siehe Pseudolucian.
Lucius von Patrae 42. 44. 71.
Märchenforschung 13. 27. 84 — 87.
Marcus Argentarius A. P. V 127 : 31.
Medea (Hochzeit der M.) 69 A.
Melagers Satiren (vgl. A. P. VII
417,4 u. 419,4) 39-
Menippische Satire 8. 39.
Mündlicher Stil 33. 50.
Mythos und Märchen 15. 17. 18.
22. 23. 27. 86, I.
Nikostratos TTapaKoXu|nßu>ca (vgl.
Anfang d. Lexikons d. Photios
91,26) 30.
Ovids Metamorphosen 42; Metam.
XI 221 ff.: 30; Trist. II 413: 63;
Trist. II 443 : 63. 64.
Otherus und Syritha 86.
Pagenstecher, R. 88.
Papyrus, Paris. Bibl. Nat. v. 17 17 ff.:
19. 79- 80; Lugd. V I, 14: 20.
80. 81; Lugd. W. Dieterich
Abraxas 184,80: 21. 81.
Parhedros Eros 20. 80. 81.
Paulus Silentiarius A. P. V 275: 31.
Personifizierung 79.
Petron 34. 40. 65.
Philemons Tod 6f.
Philepsios 29.
Philo de vita cont. 473 M.: 26. 82.
Plato 10. II. 76—78.
Plautus Persa 392: 33.
Plinius ep. II 20: 32. 51.
Plutarch Tiepl 7ro\u'rrpaY|uoc0vTi<;38.
Popularphilosophie 38.
Posidipp 74 ; A. P. V 209 : 29 ; A. P.
Xn98: 73.
Preisendanz, K. 80.
Properz 13:31; III 20, 28 : 70, 2.
Pseudolucian ''EpuJT€(; 34. 50. 51,2.
64- 65; AoOkioc; f^ övoq 43. 71.
Psyche, kosmische Gottheit 21. 81.
TTüeio^ bpdKWV 81, 2.
Raffaels Galathea 6.
Rohde, E. 50, 2. 53. 54.
Roman 13. 14. 44. 66. 73.
Rosenblüth, M. 66, i.
Saxo Grammaticus 86.
Schaller, W. 13. 79, l.
Seelenhymnus 17.
sermo 51. 52.
Sisenna 8. 34. 36. 40. 49 ff. 53 bis
55. 64; historiae 56—58; Mile-
siae 55; Einzelfragmente 53. 59.
Skamander, siehe Volksbuch.
Statius Silv. II 3 : 88.
Thomas-Akten 17. 18. 25. 27. 83.
TibuU II 3 : 37.
92
SACHREGISTER
Valentin, Gnostiker 24.
Varro 8. 40. 50, i. 55, i.
Volksbuch vom Heil. Georg 69 A.;
von Skamander u. Medea 69 A.
Volksmärchen 13 — 15. 85 — 87.
Weinreich, O.
"Weisheit 24.
49. 69 A.
"Wendland, P., Hellenistisch-römi-
sche Kultur 174,2: 18; De fa-
bellis antiquis 61. 62.
Wundererzählung 41. 66, 2. 72.
zär 26. 83.
Zauberpapyri 19. 20. 79 — 82.
Berichtigung.
Durch Versehen sind oben S. 3 die "Worte Meyers in dem von Goethe
durchkorrigierten Aufsatz Über die Gegenstände der bildenden Kunst
Propyläen I i S. 42 (vgl. über Goethes Mitarbeit Bd. 47 der Weimarer
Ausgabe, S. 332 A.) als Äußerung Goethes gefaßt und auf die Dich-
tung des Apuleius bezogen ; sie sind zwar stark von ihr beeinflußt,
gelten aber zunächst der bildlichen Darstellung, welche die Vignette zeigt.
Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin
RICHARD REITZENSTEIN
Poimandres
Studien zur griech.-ägyptischen u. frühchristlichen Literatur
Geheftet JC 12,—, gebunden J{ 15. —
Das Buch ist bestimmt, die religiösen Neubildungen, welche das Eindringen des
Griechentums im Orient hervorrief, auf einem engen Gebiet zu verfolgen. Es nimmt zur
Grundlage die von der Theologie wie Philologie gleichmäßig vernachlässigten Hermetischen
Schriften und sucht zunächst deren Grundcharakter, Zusammenhänge mit den Zauber-
papyri und Verhältnis zur altägyptischen Religion zu bestimmen. Die Wirkung dieser
weit über Ägypten hinaus verbreiteten hellenistischen Literatur von Visionserzählungen,
Predigten und Lehrschriften zeigt sich einerseits in dem Judentum, und zwar hier etwa
von neutestamentlicherZeit bis ins Mittelalter hinein, andererseits in der frühchristlichen
Literatur. Aber zahlreich scheinen die Entlehnungen einzelner literarischer Typen, Bilder,
Begriffe und Formeln, z. B. in dem Hirten des Hermas, dem Martyrium Petri, den Logia
Jesu, aber schwächer auch schon in einzelnen Teilen der Apokalypse, des vierten Evan-
geliums und der paulinischen Briefe. Die Kenntnis dieser hellenistischen Propheten läßt
uns ferner Persönlichkeiten wie Philo in schärferem Lichte erscheinen und verhilft viel-
leicht zu einer genaueren Kenntnis der Geschichte des Piatonismus im Orient.
Hellenistische Wundererzählungen
Geheftet JC 5.—, gebunden J6 7.—
Das Buch soll nicht eine erschöpfende Aufzählung der hellenistischen Wunder-
erzählungen bieten, sondern zunächst ihren literarischen Charakter, ihre Technik und die
zugrunde liegenden ästhetischen Theorien an ausgewählten Beispielen erläutern und die
phantastische Erzählung durch die verschiedenen Literaturzweige (Satire, philosophische
Memorabilien usw.) verfolgen. Das Ziel war dabei eine möglichst scharfe Scheidung der
verschiedenen Arten hellenistischer Erzählung und besonders die Sonderung der Wunder-
erzählung von dem Roman. Doch mußte schon dabei die frühchristliche Literatur (bes.
Apostelakten und Mönchserzählungen) in breiterem Umfang herangezogen werden, da
sie für die volkstümlichen Urtypen fast einzig die Belege bietet. Ihr Charakter als im
wesentlichen freie Dichtung, nicht als ,, Legende", soll durch diese Zusammenstellung
näher erläutert werden. Der kürzere, zweite Teil ist dieser Literatur allein gewidmet
und sucht an zwei den Thomas-Akten entlehnten Beispielen die Stärke der literarischen
Abhängigkeit der frühchristlichen von den gleichzeitigen heidnischen Erzählungen zu
erweisen und zugleich aus dieser volkstümlichen Literatur Schlüsse auf die Anschauungen
breiter heidenchristlicher Kreise zu ziehen.
Die hellenistischen Mysterienreligionen
ihre Grundgedanken und Wirkungen
Geheftet JC 4.—, gebunden JC 4.80
Das Buch möchte eine Ergänzung zu A. Dieterichs ,,Mithrasliturgie" bieten. Aus-
gehend von der Tatsache, daß Paulus die Scheidung der Menschen in Pneumatiker und
Psychiker den hellenistischen Mysterienreligionen entnommen hat, andrerseits der Beob-
achtung, daß wir die theologischen Abschnitte des XL Buches der Metamorphosen
des Apuleius nur ins Griechische zurück zu übertragen brauchen, um die Grund-
begriffe und technischen Worte auch zahlreicher anderer Mysterien in ihrem ursprüng-
lichen Zusammenhang wiederzufinden, hebt es einerseits die Grundvorstellung schärfer
hervor, aus der die dort erklärten Kulturgebräuche und Bilder hervorwachsen, anderer-
seits schildert es die Verinnerlichung der Mysterien von der rohen Zauberhandlung
zur schriftlichen Darstellung rein seelischer Eriebnisse. Sodann weist der Verfasser
die Bedeutung des hellenistischen, der Mysterienfrömmigkeit entlehnten Elementes
neben dem jüdischen in der Theologie des Apostels Paulus nach und zeigt an ein-
zelnen Beispielen, was die Wortgeschichte zum Verständnis des Werdeganges des
Apostels beitragen kann. Endlich bietet er noch philologische Beiträge zur Beant-
woriung der Frage nach dem Wesen des christlichen Gnostizismus.
R ei tzen st ein, Amor U.Psyche. 1
Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin
Die Mysterien des Mithra. Ein Beitrag^ zur Religionsgeschichte der
römischen Kaiserzeit. Von Franz Cumont. Autorisierte deutsche
Obersetzung von Georg Gehrich. Mit 9 Abb. im Text u. auf 2 Tafeln,
sowie 1 Karte. 2. Aufl. Geh. M 5. — , in Leinwand geb. Jt 5.60.
„Das Buch ist gerade für einen deutschen Leserkreis geeignet, da es auf die
religionsgeschichtlichen Fragen, die neuerdings nicht nur Fachkreise, sondern jeder-
mann interessieren, ein besonderes Licht wirft. Es schildert die Wanderung eines
indoiranischen Gedankens durch die ganze antike Well und zeigt an einem Beispiel,
in welchem Umfang die Übertragung religiöser Ideen in historischer Zeit nachweislich
stattgefunden hat." (Neue Jahrbücher für das klassische Altertum usw.)
Die orientalischen Religionen im römischen Heidentum. Von Franz Cumont
Autor, deutsche Ausg. von Georg Gehrich. Geh. Mb. — , geb. Md. —
,,Das Werk eines Meisters über eine Reihe brennender Fragen zu lesen, ist
immer eine Freude. Die Freude wird dem zuteil, der sich in die vorliegende Schrift
Cumonts vertieft — Bei Cumonts religionsgeschichtlicher Darstellung hat man das
angenehme Bewußtsein, eine Stoffauswahl zu erhalten, die nicht im Dienste einer be-
slimrr.ten religionsgeschichtlichen Gesamtanschauung steht. Gerade darum ist Cumont
ein guter Wegweiser für den, der das Verhältnis des Urchristentums zu seiner religiösen
Umwelt verstehen will...." (Theologisches Literaturblatt.)
Eine Mlthrasliturgie. Erläutert von Albrecht Dieterich. 2. Aufl., besorgt
von Richard Wünsch. Geh. Md.—, geb. M 7.—
,,Der größte und unmittelbarste Gewinn, den auch der außerhalb der geheiligten
Schranken der Mysterienkunde Stehende von dem Buche haben wird, ist die aus demselben
gewonnene Möglichkeit, einen verständnisvollen Blick in diese ihm sonst verschlossene
Welt hinein zu werfen Wir scheiden von dem hochinteressanten Buch mit dem auf-
richtigsten Dank für die reiche Belehrung und vielfache Anregung, die es uns geboten
hat, und empfehlen seine Lektüre allen, die sich mit religionsgeschichtlichen Studien
befassen, aufs angelegentlichste." (Wochenschrift für klassische Philologie.)
Vorträge und Aufsätze. Von Hermann Usener. Mit einem Bilde
Useners. Geh. M 5. — , in Leinwand geb. M 6. —
Aus den noch nicht veröffentlichten kleineren Schriften Useners ist hier eine
Auswahl von Vorträgen und Aufsätzen zusammengesetzt, die für einen weilen Leserkreis
bestimmt sind. Sie sollen ,, denen, die für geschichtliche Wissenschaft Verständnis
und Teilnahme haben, insbesondere aber jungen Philologen Anregung und Erhebung
bringen und ihnen em Bild geben von der Höhe und Weite der wissenschaftlichen
Ziele dieses großen dahingegangenen Meisters und dieser Philologie". Den Inhalt
bilden die Abhandlungen: Philologie und Geschichtswissenschaft, Mythologie, Organi-
sation der wissenschaftlichen Arbeil, über vergleichende Sitten- und Rechtsgeschichte,
Geburt und Kindheit Christi; Pelagia, die Perle (aus der Geschichte eines Bildes).
Als Anhang beigefügt ist die Novelle ,,Die Flucht vor dem Weibe", die als Bearbeitung
einer altchristlichen Legende sich ungezwungen anschließt.
Kleine Schriften. Von Albrecht Dieterich. Herausgeg. von Rieh. Wünsch.
Mit einem Bildnis und zwei Tafeln. Geh. M 12.—, geb. M 14. —
Entsprechend einem bald nach Dieterichs Tode vielfach geäußerten Wunsche,
es möchten die nicht immer bequem zugänglichen ,, Kleinen Schriften" Dieterichs in
einer Sammelausgabe vereinigt werden, bietet dfer vorliegende Band sämtliche Auf-
sätze, soweit sie nicht selbständig in Buchform erschienen sind. Neu ist darin vor
allem ,,Der Untergang der antiken Religion", den der Herausgeber aus Dieterichs
Notizen zu seinen Vorträgen und aus Nachschriften zusammengestellt hat. Obwohl
diese Zusammenstellung naturgemäß unvollkommen sein muß, soll sie doch veröffent-
licht werden, da Dieterich lebhaft gewünscht hatte, die hier ausgesprochenen Gedanken
möchten nicht verloren gehen. Aus dem Nachlaß wird ferner zum erstenmal ein
Aufsatz über ,, Verhüllte Hände" gedruckt. Erst diese Sammlung vermag ein abgerun-
detes Bild von der wissenschaftlichen Bedeutung Dieterichs und von der Förderung,
die die rcligionsgeschichtliche Erforschung des Altertums ihm verdankt, zu geben.
Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin
Die Anschauungen vom Wesen des Griechentums. Von G. Bllleter.
Geh. JC 12.—, geb. Ji 13.—
„Der glückliche Finder des sog. .Urmeister' legt hier das Ergebnis jahrelangen
unermüdlichen Suchens vor: ein unschätzbares Dokumentenbuch für die Auffassungen
des Hellenentums. Das Namenregister allein schon beweist, mit welchem Spüreifer
der Verfasser den wechselnden und doch im Kern selten veränderten Eindrücken nach-
gegangen ist, die die genialste der Nationen bei ihren fleißigsten Kindern hinterließ;
denn die Deutschen stehen naturgemäß voran. Eine klare Disposition und ein aus-
gezeichnetes Schlagwortregister erhöhen die Brauchbarkeit dieser Geschichte vom
Mantel Helenas. Da schließlich doch die Anschauungen am Wesen des Griechentums
noch stärker auf die Entwicklung der Kultur eingewirkt haben als die Taten und Werke
der Hellenen, so ist damit für eines der wichtigsten Kapitel der Weltgeschichte die
feste Grundlage gegeben." (Deutsche Rundschau.\
Die griechische und lateinische Literatur und Sprache. 3. Auflage!
(Die Kultur der Gegenwart. Ihre Entwicklung und ihre Ziele.
Herausgegeben von Professor Paul Hinneberg. Teil I, Abt. 8.)
Geh. Jl 12.—, geb. jK 14.—
Inhalt: I. Die griechische Literatur und Sprache. Die griechische Literatur des
Altertums: U. v. Wilamo witz-MoeUendorff. — Die griechische Literatur des
Mittelalters: K. Krumbacher. — Die griechische Sprache: J. Wackernagel. —
II. Die lateinische Literatur und Sprache. Die römische Literatur des Altertums:
Fr. Leo. — Die lateinische Literatur im Übergang vom Altertum zum Mittelalter:
E. Norden. — Die lateinische Sprache: F. S kutsch.
,,In großen Zügen wird uns die griechisch-römische Kultur als eine kontinuier-
liche Entwicklung vorgeführt, die uns zu den Grundlagen der modernen Kultur führt.
Hellenistische und christliche, mittelgriechische und mittellateinische Literatur er-
scheinen als Glieder dieser grolSen Entwicklung, und die Sprachgeschichte eröffnet uns
einen Blick in die ungeheuren Weiten, die rückwärts durch die vergleichende Sprach-
wissenschaft, vorwärts durch die Betrachtung des Forllebens der antiken Sprachen im
Mittel- und Neugriechischen und in den romanischen Sprachen erschlossen sind."
(P. Wendiand-Kiel In der Deutschen Literaturzeitung.)
Charakterköpfe aus der antiken Literatur. Von Eduard Schwartz. 2. Aufl.
8. Geh. je JC 2.20, in Leinwand geb. je JC 2.80.
I. Reihe: 1. Hesiod und Pindar; 2. Thukydides undEuripides; 3. Sokrafes und Plato ;
4. Polybios und Poseidonios; S.Cicero; 4. Auflage. 8. 1912. II. Reihe: 1. Diogenes
der Hund und Krates der Kyniker; 2. Epikur; 3. Theokrit; 4. Eratosthenes ; 5. Paulus.
, .Schwartz beherrscht den Stoff in ganz ungewöhnlicher Weise : das Reinstoffliche
aber tritt allmählich ganz in den Hintergrund, dafür erglänzt jede einzelne der Er-
scheinungen um so klarer und mächtiger im Lichte ihrer Zeit. Der Verfasser ist in
den Jahrhunderten der griechischen Poesie — sowohl in denen, wo sie sich entwickelte,
als auch in denen, da sie ihre Blüte erlebte — mit gleicher, sozusagen hellseherischer
Sicherheit zu Hause; wir lernen jeden einzelnen der geistigen Heroen als ein mit
innerer Notwendigkeit aus seiner Epoche hervorgehendes Phänomen betrachten und
einschätzen, und Schwartz schildert ihn uns so lebendig, daß wir ihn wie mit Fleisch
und Blut begabt vor uns zu sehen glauben. Dabei ist jedes der Charakterbilder ein-
heitlich aus einem einzigen Gusse, nirgends hören wir ein Wort gelehrter Polemik oder
selbstbewußter Besserwisserei." (Literarisches Echo.)
Cicero im Wandel der Jahrhunderte. Von Thaddaeus Zieliriski. 3. Aufl.
Geh. ca. JC 7. -, geb. ca. JC 8.—
,,Das Schriftchen ist mit Geist, mit reichem Wissen und freiem Blick für Ge-
schichte, Menschentum und Kultur geschrieben und kann und soll nicht nur dem
Ciceroliebhaber bestens empfohlen sein, sondern jedem, dem die Kenntnis von den
Einflüssen des Altertums auf den Wandel der Jahrhunderte am Herzen liegt. Durch
die Lagerungen der Geschichte wird uns hier gleichsam ein ,Vertikaldurchschnitl'
gegeben, indem die dreifachen starken Einflüsse der Ciceroschriften auf die Welt-
entwicklung, zunächst auf die Begründung des Katholizismus, hernach auf die Re-
naissance, zuletzt auf die französische Revolution und die geistige Bewegung, die sie
vorbereitet, dargetan werden." (Historische Vierteijahrsohrift.)
Verlag von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin
Homer. Von Georg Finsler. Geh. Jl 6. — , in Leinwand geb. Ml . —
„Das Buch bietet unendlich viel mehr, als der Titel vermuten läßt. Es findet
sich darin ein solcher Reichtum von Gedanken, die aus der Tiefe des schier un-
erschöpflichen homerischen Brunnens geschöpft sind, daß der Berichterstatter in Ver-
legenheit ist, wie er in einer kurzen Besprechung darüber Auskunft geben soll. Denn es
werden so ziemlich alle Fragen behandelt, die sich auf Homer beziehen, mit Ausnahme
der rein textkritischen und sprachlichen Untersuchungen. Aber auch die Ergebnisse
dieser letzteren sind überall mit in die Gesamtdarstellung verwoben. Der ungeheuere
Reichtum der , homerischen Welt' wird gezeigt in den Abschnitten über Natur und
Leben, den homerischen Menschen, Gesellschaft und Staat, Religion. Nichts ist ver-
gessen; mit erstaunlicher Beherrschung des Stoffes ist systematisch alles zusammen-
gefaßt, was sich aus Homer herausholen läßt. Die Angaben sind im einzelnen
durch Homerverse belegt, so daß jeder Gelegenheit hat, die aufmerksame Wanderung
des Verfassers durch die blühende Natur der homerischen Welt im einzelnen nach-
zuprüfen." (Deutsche Literaturzeitung.)
Homer in der Neuzeit. Von Dante bis Goetiie. Italien. Franlcreicli.
England. Deutschland. Von Georg Finsler. Geh. ..^12.—, in
Halbfranzband geb. Ji 14. —
Das Buch stellt die Geschichte Homers bei den modernen Völkern dar, von der
Wiederentdeckung des Dichters durch die italienische Renaissance bis zum Beginn
des 19. Jahrhunderts. Die Einteilung nach Ländern gibt zugleich den Faden der
historischen Entwicklung in dem Verständnis und der Auffassung des Dichters, seiner
Stellung innerhalb der Ideengeschichte der Völker und den Strömungen der literarischen
Kritik. Der wissenschaftlichen Behandlung der homerischen Poesie und den Anfängen
der modernen Homerkritik ist Rechnung getragen. Besondere Aufmerksamkeit ist dem
Verhältnis der Dichter, vor allem der epischen, zu Homer geschenkt.
Der Trug des Nektanebos. Wandlungen eines Novellenstoffes. Von
Otto Weinreich. Geh. JC A.—, in Leinwand geb. Ji 4.80.
Das Buch verfolgt die Behandlung des literarisch und religionsgeschichtlich be-
deutsamen Novellenstoffes von der betrügerischen Benutzung des Glaubens, daß gött-
liche Wesen sterblichen Frauen nahten, [seiner mannigfachen Ausgestaltung und Ein-
kleidung vom Altertum bis zur Gegenwart. An der Spitze stehen die antiken Fassungen:
der Trug des Nektanebos im Alexanderroman, die Geschichte von PauHna und JVlundus
(Anibus moechus), die ähnlichen Berichte über den falschen Saturnus in Alexandria
und die milesische Novelle in Buchform: das Abenteuer des Skäimandros und der
Kallirrhoe. Im Kapitel II schließt sich die mittelalterliche Tradition dieser antiken Bei-
spiele an. Verwandte literarische Schöpfungen des Mittelalters, der Renaissance und
Neuzeit, die jenes novellistische Motiv in neuer Einkleidung zeigen, werden im Kapitel
in bis V besprochen; die orientalischen Fassungen behandelt Kapitel VI. Eine
Schlußbetrachtung stellt die Frage nach dem Zusammenhang der antiken, okziden-
lalischen und orientalischen Beispiele und findet die Lösung nicht im Sinne Benfeys,
sondern Erwin Rohdes.
Geschichte der Autobiographie. Von Georg Misch. I. Band: Das Alter-
tum. Geh. Jt 8.—, geb. JC 10.—. [II. u. III. Band: (Mittelalter-
Neuzeit) in Vorbereitung.]
,,Die vornehmsten Werke der wissenschaftlichen Literatur sind die, welche keiner
SpezialWissenschaft angehören, und von denen doch die verschiedensten Fachgelehrten
urteilen müssen, daß sie ihnen neue Lichter aufstecken. Nicht jedes Jahr bringt ein
solches Buch; hier ist eins. Damit ist hier Lobes genug gesagt. Der Philologe wird
sich des Fortschritts freuen, den das Verständnis der Werke notwendig machen muß,
wenn sie als Teil der Weltliteratur betrachtet werden. Und das ist hier nicht einmal
die Hauptsache, sondern jene philosophische Betrachtung des Menschen und seiner
Geistesgeschichte, die Misch aus der Schule Wilhelm Dilteys mitbringt, dem das Buch
mit vollem Recht gewidmet ist." (Intern. Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst u. Technik.)
BINDINGUST SEP 6
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